Party für Durstige und Sexbesessene

29. Oktober 2005, 14:00
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Drei Blicke auf Tom Wolfes neuen Roman "Ich bin Charlotte Simmons"

Tom Wolfes neuer Roman Ich bin Charlotte Simmons scheint auf den ersten Blick sehr kompliziert konstruiert. Im zweiten Anlauf liest er sich täuschend einfach und flüssig. Dem dritten, rückwärts gewandten Blick entpuppt er sich doch als komplexer, als das Handlungsgerüst erwarten ließe.

Eingerahmt ist die Geschichte zu Beginn von einer fiktiven Eintragung im Lexikon der Nobelpreisträger - 1997 soll ihn der Biologe Victor Starling gewonnen haben; von einem Prolog, der den kalifornischen Gouverneur in einer unzweideutigen Aktivität mit einer Studentin auf dem Campus schildert; und am Ende von einer doppelten Danksagung des Autors - an die vielen Zeitgenossen, die ihm bei Recherchen an mehreren amerikanischen Universitäten und im (real existierenden) Herkunftsbezirk von Charlotte geholfen haben, und speziell an seine beiden studierenden Töchter, die ihn, den über 70-Jährigen, vor sprachlichen Übertreibungen bewahrt und auf die richtigen Pfade der Einfühlung in die soziale Wirklichkeit einer US-Elite-Uni im 21. Jahrhundert geführt haben.

Die Handlung ist schnell erzählt. Es ist die ein Semester lang dauernde Geschichte der Studentin Charlotte Simmons, der begabtesten Maturantin aus einer Kleinstadt im ländlich-armen North Carolina. Sie hat ein Stipendium für Dupont bekommen, eine fiktive, aber den Kaderschmieden Yale, Duke, Stanford und Harvard nachempfundene Universität.

Ihre Initiation in die Riten der Studentenschaft ist eine Serie von Schocks. Was sie sich erträumt hat - einen Tempel für Wissensdurstige -, stellt sich ihr als endlose Party dar, für einfach Durstige und für Sexbesessene. Umgeben von reichen und schönen Kommilitonen und vor allem -innen, fühlt sie sich ebenso unterlegen, wie sie andererseits zu wissen glaubt, dass sie turmhoch über dem oberflächliche Getue steht. Wenn sie sich an sonst nichts halten kann, dann an den titelgebenden Satz, mit dem sie sich regelmäßig Selbstvertrauen einflößt: "Ich bin Charlotte Simmons." Ich habe mir meine Bildung selbst erkämpft. Ich lese Flaubert im Original. Ich gehe heim, wenn's mir zu laut und zu intim wird. Ich ertrage es mit Fassung, wenn ich von meiner nymphomanen Zimmergenossin hinaus ins "Sexil" geschickt werde.

Drei männliche Studenten treten nacheinander in ihr Leben: "Gogo" Jojo Johanssen, der einzige Weiße im Basketballteam der Uni; Hoyt Thorpe, der Feschak aus der Studentenverbindung Saint-Ray, und Adam Gellin, der intellektuelle jüdische Außenseiter. Anziehung und Abstoßung zwischen den vier Protagonisten bestimmen den Rest der Story, der hier nicht verraten werden soll. Nur so viel: Ihre jeweiligen Milieus sind Biotope im Buch, in denen sich Subplots entwickeln: da die Entwicklung des College-Basketballs und die Herrschaft der Coaches über Millionen und über die Spieler; dort die Fährnisse der politisch Korrekten, denen die Affäre um den Gouverneur gerade recht kommt; und am anderen Ende die Aushöhlung der Ivy-League-Ansprüche durch Fraternity-Boys.

Zwischen diesen sozialen Inseln und von ihnen zu Charlotte spinnen sich weitere Erzählfäden, ebenso von ihr zu den Professoren, bei denen sie zwischen Entsetzen und Begeisterung (Sterling, der Nobelpreisträger!) hin- und herschwankt. Sie kommt auch sonst gehörig ins Schwanken, fällt beinahe ins Aus, findet sich schließlich und landet in den vermeintlich richtigen Armen. Eine multiple Beziehungskiste, ein Buch über "Sex and the College"? - schon auch, aber sicher nicht nur, obwohl die Kritik zumeist darauf abzielt. Tom Wolfe hat dem Vorschub geleistet. Seitenlang erklärt er den duponttypischen "Fuck-Patois" und führt ihn ständig in Dialogen vor. Fucking this, fucking that, und zum Slang kommt in reichlichem Maß die Aktivität selbst.

Aber Tom Wolfe ist auch - und war immer schon - Journalist mit soziologischem Weitblick. Ihn interessieren die Rituale, mithilfe deren sich Menschen sozial einordnen, vergleichen, etwas vorspielen, bis sie es selbst glauben. Er ist ein Wertkonservativer, zugleich ein zu genauer Beobachter, als dass man ihn als affirmativen Langweiler abtun könnte. Dafür schreibt er auch schlicht zu gut. Es ist faszinierend, wie er sich in die Mentalität eines bierumnebelten Verbindungsstudenten hineinversetzt, wie er new-journalistisch (schließlich hat Wolfe das Genre mitbegründet) den inneren Monolog eines eifersüchtigen Schwächlings mitschreibt, die Zweifel der Protagonistin mit literarischen Mitteln seziert. Apropos: Wolfe beherrscht auch noch seine alte Spezialität, die comicartig-lautmalerische Kakophonie. In der :::::KNISTERN::::: Schilderung der Stimmung :::::KNISTERN::::: im Basketballstadion lässt er sie immer wieder :::::KNISTERN::::: aufblitzen.

Seine Soziologie ist die des Status, und Dupont ist sein neuestes Versuchslabor. Nachdem er in seinen ersten beiden Romanen die Hackordnungen etwa in einer Investmentbank und in einem multikulturellen Gefängnis beklemmend nah geschildert hat, geht es hier um das unentwirrbare Knäuel von Sexualität und Ethnien beziehungsweise Rassismus, um Männlichkeit und amerikanische Werte, speziell die der Südstaaten - schließlich ist der 1931 in Richmond, Virginia geborene Thomas Kennerly Wolfe ein "Southern Gentleman".

Nur scheinbar im Hintergrund steht noch dazu die Frage nach der biologischen Bestimmtheit menschlichen Verhaltens und der Freiheit des Willens: Was heißt "Ich bin (Name hier einfügen)"? Wolfe, immer am Puls der Zeit, handelt die Kontroverse um Darwin und um die Neurobiologie in intelligenten Dialogen zwischen Charlotte und ihrem Professor ab - und alter Fuchs, der er ist, gelingt ihm auch das glänzend.

So hat er ein Buch der Ideen mit reportagehaften Elementen geschaffen. Wie in seinen früheren Romanen hat er die Handlung allerdings nicht zu einem Ende gebracht, das trägt. Das Bild der Charlotte verblasst zum Schluss, es wird sozusagen unschlüssig, der Leser mag sich düpiert fühlen. Bis dahin sind allerdings schon mehr als 700 Seiten vergangen, die man nicht bereut. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.10.2005)

Von Michael Freund
  • Tom Wolfe: "Ich bin Charlotte Simmons"Deutsch von Walter Ahlers. 
€ 25,60; 794 Seiten. Karl Blessing, München 2005
    foto: blessing, münchen

    Tom Wolfe:
    "Ich bin Charlotte Simmons"
    Deutsch von Walter Ahlers.
    € 25,60; 794 Seiten. Karl Blessing, München 2005

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