Cornelia Funke: "Potilla"

28. Oktober 2005, 19:38
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Potilla ist eine Art Mädchenfrau, die wir manchmal heute noch gerne wären: ungeduldig, klug, frech - eine, die sich nichts gefallen lässt

Feen trifft man nicht jeden Tag, also ist es kein Wunder, dass Arthur erstaunt ist und erst mal alle Scherereien vermeiden möchte, als er Potilla trifft, die Feenkönigin.

Arthur, das ist ein Junge, der sich so fühlt, wie wir uns alle irgendwann gefühlt haben, auch oder gerade wenn wir das niemandem gesagt haben: Ihm ist nicht ganz wohl in seiner Haut, er ist ziemlich unsicher, genervt von zwei Cousins bei Verwandten auf dem Land, mit denen er spielen soll, dazu aber nicht viel Lust hat, weil sie Quälgeister sind - und der ein bisschen verknallt ist in die gleichaltrige Nachbarstochter, obwohl er eigentlich noch gar nicht so genau weiß, was Verknalltsein eigentlich ist.

Potilla andererseits ist eine Art Mädchenfrau, die wir manchmal heute noch gerne wären: ungeduldig und klug und frech. Eine, die sich nichts gefallen lässt und ihren Kopf durchsetzt und zickig werden kann, wenn es sein muss. Aber sie ist eine, die auch zugeben kann, wenn sie etwas falsch gemacht hat. Arthur befreit Potilla aus der Socke, in die sie eingesperrt worden ist von einem Unhold, der ihr und ihrem Volk von Waldfeen die Mützen gestohlen hat und damit ihre Macht und ihren Schutz.

So will er unsterblich werden und es ist ihm egal, dass er dabei andere ins Unglück stürzt. Nun muss Arthur, der sich eigentlich nicht viel zutraut, beweisen, dass er Potilla helfen kann. Sie unterstützen sich gegenseitig, die kluge, doch kurzfristig machtlose winzige Feenkönigin und der schüchterne Junge, der seine eigene Stärke erst erkennen muss.

Cornelia Funke, eine der international bekanntesten deutschen Kinderbuchautorinnen (zuletzt erschien Tintenblut), lehrt uns damit eine alte und wunderbar einfache Botschaft: Dass selbst der schärfste Witz, der frechste Verstand nicht gewinnen kann ohne jemanden, dem man vertrauen kann; und dass dieser so Vertraute umgekehrt ein Selbstvertrauen entdeckt, das er gar nicht in sich vermutet hätte.

Dass man Freunde braucht und lernen muss, sich auf sie zu verlassen, selbst wenn man sich für viel klüger hält - das lernt Potilla. Dass man durch Freundschaft stärker wird - das erfährt Arthur. Dass dann selbst auch zuvor unüberwindbar scheinende Hindernisse überwunden werden können. Und dass man dafür keineswegs perfekt oder überdurchschnittlich begabt sein muss.

Potilla ist eine Märchengeschichte, aber darin in vielem der Wirklichkeit näher, als so manche sozialkritische Erzählung. Wenn man manchmal noch daran glaubt, dass es in der Welt doch immer wieder ein gutes Ende geben kann, wenn man ihr und sich etwas Vertrauen schenkt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.10.2005)

Von Petra Steinberger
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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