Der Herr der Kaiserpinguine: Luc Jacquet, Tierfilmer, Kopf des Tages

27. Oktober 2005, 19:02
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Die "Die Reise der Pinguine" des gelernten Biologen ist wohl der überraschendste Erfolg dieses Kinojahres

"Der Kaiserpinguin ist wahnsinnig schön." - Luc Jacquet hat eine Obsession, und diese wird offensichtlich von vielen geteilt: Die Reise der Pinguine, die erste Langdokumentation des französischen Tierfilmers, ist wohl der überraschendste Erfolg dieses Kinojahres.

Tiere, sagt Jacquet, der am 5. Dezember 1967 in Bourg-en-Bresse im Department Rhône-Alpes geboren wurde, hätten ihn schon als kleiner Junge interessiert. Vor diesem Hintergrund nimmt sich seine Berufswahl nicht weiter verwunderlich aus: In Lyon absolviert er ein Biologiestudium, beschäftigt sich mit Verhaltensforschung. Als 24-Jähriger bewirbt er sich auf eine Anzeige des Forschungszentrums CNRS, in der ein Biologe gesucht wird, der "sich vor nichts fürchtet und bereit ist, für 14 Monate ans Ende der Welt aufzubrechen".

Das Ziel ist ein wissenschaftlicher Außenposten in der Antarktis. Jacquet arbeitet als freiwilliger technischer Helfer bei einem Feldforschungsprojekt, das sich mit dem Zählen und Beringen von Kaiserpinguinen beschäftigt. Nebenbei macht er im Auftrag des Schweizer Regisseurs Hans-Ulrich Schlumpf (Der Kongress der Pinguine) Aufnahmen - ein Schweizer Kameramann hat ihn zuvor unterwiesen. Und er erliegt gleichermaßen der Faszination dieses eisigen Terrains und seiner Populationen - inzwischen hat er insgesamt bereits drei Jahre seines Lebens dort verbracht - und des Filmens: Anstelle einer wissenschaftlichen Laufbahn wird aus dem anfänglichen Autodidakten ein Tierfilmer, dessen Arbeiten zunächst vor allem im Fernsehen liefen.

Vom Erfolg seines ersten Kinofilms - der inzwischen weltweit ein Millionenpublikum hat, allein in den USA bisher rund 75 Millionen Dollar einspielte und hinter Michael Moores Fahrenheit 9/11 als kommerziell zweiterfolgreichster Dokumentarfilm rangiert - zeigt sich Jacquet nach wie vor überrascht.

Zudem entzünden sich an Reise der Pinguine ideologische Debatten: Von einer Vereinnahmung des Films durch christlich-fundamentalistische Kreise in den USA, die etwa den Hang der Pinguine zur Monogamie loben, hat sich der 37-jährige Regisseur, der selbst verheiratet ist und zwei Töchter hat, öffentlich distanziert. Den Film "religiös zu deuten wäre so, als wolle man Superman nach Verteidigungsstrategien analysieren".

Weit wichtiger wäre ihm dagegen, wenn sein Film dazu beitrüge, das Bewusstsein der Zuschauer für die Bedrohung der Kaiserpinguine durch Klimaveränderungen und für den Umweltschutz zu stärken. Inzwischen plant er bereits einen neuen Film, Le renard et l'enfant ("Der Fuchs und das Kind"), der in Frankreich und anderswo in Europa gedreht werden soll. Mit der Antarktis und ihren majestätischen Bewohnern hat er jedoch sicher noch nicht abgeschlossen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2005)

Von
Isabella Reicher

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diereisederpinguine.at

  • Luc Jacquet, Regisseur 
des Überraschungserfolges 
"Die Reise der Pinguine".
    foto: lunafilm

    Luc Jacquet, Regisseur des Überraschungserfolges "Die Reise der Pinguine".

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