Skoceks Zeitlupe: Wohlfühlen als Industrie

16. November 2005, 11:41
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Sport ist ein Zeitvertreib als Kulturtechnik, als Heldenmaschine, als Industrie...

Sport ist ein Zeitvertreib als Kulturtechnik, als Heldenmaschine, als Industrie. Das improvisatorische Talent des Österreichers hat den lebensbedrohenden Winter in den Alpentälern zu einem Rohstoff für Heimatgefühl verwandelt und daraus eine prosperierende Industrie entwickelt. Hermann Maiers Sieg im ersten Rennen des Geschäftsjahres läutete eine Winterjubiläumssaison ein, am Nationalfeiertag folgte die "Feierstunde 100 Jahre Österreichischer Skiverband".

Der ÖSV ist noch stärker als der Fußballverband ÖFB eine kleine Parallelnation in der Nation, in der die Welt Österreich nicht probt, nein, sondern wahrhaftige Aufführungen erlebt. Er hat dank Personal wie Toni Sailer, Annemarie Moser-Pröll, Franz Klammer, Hermann Maier, Anton Innauer und Andi Goldberger eine Weltmarke geschaffen, die über die engen Grenzen der Schneebranche hinaus erkenn- und verkaufbar ist. Die Firma ÖSV erzeugt Siege und schafft so Stimmung, Wohlfühlen, Gemeinsamkeit, eine Mischung, die Mitarbeiter und Konsumenten fasziniert und bindet.

Der ÖSV nutzte diese heißbegehrte Atmosphäre, um sich vom Verband zum Unternehmen zu mausern. Gleichzeitig entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten die Politik von einer Instanz des öffentlichen Wohls zu einem Wohlfühlklub, in dem immer häufiger die Stimmung für das Handeln gilt. Man nehme bloß die Luftblase "Neue Schule" oder die Pseudofrauen- und -gesundheitspolitik. Witzigerweise waren der Triumph des Sports und der Verfall der Politik ein Kind der "Globalisierung". Politiker sonnen sich gern im Glanz der Helden, umgekehrt ist das eher fraglich. Was vielleicht, nimmt man alles in allem, schade sein könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 28. Oktober 2005, Johann Skocek)

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