Reifeprüfung

23. Oktober 2005, 18:07
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Immer, wenn eine Frau kandidiert oder gar gewählt wird, fokussiert sich die Debatte darauf, ob denn die Zeit schon reif dafür sei, konstatiert Ex-Partei-Chefin Heide Schmidt

Die Zukunft ist weiblich, oder es gibt sie nicht", formulierte einst Margarete Mitscherlich und hatte damit jene Eigenschaften vor Augen, die gemeinhin als "typisch weiblich" gelten: Einfühlung in den Nächsten, Gefühle für die Unterdrückten, Toleranz für Andersdenkende, die Neigung, für "die da unten" zu sorgen, statt sie zu besiegen – Eigenschaften also, die uns in eine bessere Zukunft führen könnten. Wie in dem etwa gleich betitelten Büchlein der Serie Piper nachzulesen ist, schrieb sie derartige Eigenschaften der Frau keinesfalls als sozusagen naturbedingt zu, und schon gar nicht vertrat sie die These, dass also Frauen "besser" als Männer seien; die Psychoanalytikerin meinte vielmehr, dass bestimmte Umstände einfach dazu führen, dass sich manche Eigenschaften bei Frauen eben häufiger entwickeln als bei Männern.

Es nützt nichts, dass ich ebenso wie viele Frauen, die ich kenne, eigentlich keine Lust mehr habe, mich in eine Debatte über so genannte weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen einzulassen: Die Realität – ob medial gemacht oder natürlich gewachsen – drängt zur Auseinandersetzung mit dem Faktor "Frau an der Macht".

Bereits wenige Monate nach meinem Einstieg in die aktive Politik 1988 spielte die Karte Frau für mich eine Rolle: Haider wollte mit mir die erste weibliche Generalsekretärin installieren, und die Schwierigkeiten, die die männlichen Kollegen von SPÖ und ÖVP damals mit dem Umstand hatten, in einer Fernsehdiskussion eine Frau als Pendant zu haben, sind mir noch gut in Erinnerung.

Die öffentliche Erwartungshaltung war und ist es wohl bis heute, dass einer Frau ein höherer Standard an Höflichkeit und Fairness entgegenzubringen ist als einem Mann. Diese Erwartung ist natürlich diskriminierend, weil ihre Ursache nicht Respekt, sondern die Annahme besonderer Schutzbedürftigkeit ist. Trotzdem oder vielleicht deshalb hielt man sich damals noch öfter daran als heute.

enn ich an diese Zeit zurück denke, sehe ich nicht nur die parteipolitischen Abläufe klarer, sondern auch die geschlechtsspezifischen Aspekte. So ist zum Beispiel ein Entscheidungsprozess wahrscheinlich in allen Parteien (und nicht nur dort) nicht nur auf Gremien beschränkt, sondern das Zusammenfinden und Lobbying spielt sich häufig zu abendlicher und nächtlicher Stunde bei Bier und Wein in Lokalen ab und das in männerdominierten Runden.

Hier dabei zu sein, ist nicht nur Geschmackssache sondern auch eine Frage der Zeitmöglichkeiten. In den meisten Fällen ist das daher eine günstige Gelegenheit, Frauen aus dem Prozess auszubooten, der Diskussionsbedarf bei der gremialen Entscheidung ist durch den vorabendlichen Stammtisch hinlänglich befriedigt, spätere weibliche Fragen somit überflüssig bis störend. Wie überhaupt das Fragen in größeren Runden von Frauen mehr Courage verlangt als von Männern. Wahrscheinlich, weil sie häufig selbstkritischer und sich ihrer Defizite bewusster sind und sich keine Blöße geben wollen. Vor allem aber, um auf das vorangehende Beispiel zurückzukommen, die Männer – also die Mehrheit – dank des Vorabends ja tatsächlich einen Erkenntnisvorsprung haben, und wie oft will man sich das schon vor Augen führen lassen?

Wenn es um Funktionen geht, so sind die Rituale und Instrumente ähnlich, nur noch konzentrierter. Beim abendlichen Gespräch lassen sich Seilschaften und Solidaritäten eben leichter herstellen und für die Karriere nutzbar machen. Für diese sind im Übrigen Bünde und Vereine höchst hilfreich, und diese sind bekanntermaßen eine Domäne der Männer.

Als ich schließlich die FPÖ verließ, um eine liberale Partei zu gründen, meinten viele, dass es nicht überraschend wäre, dass gerade eine Frau diesen doch mit einiger Kraft verbundenen Schritt der Konsequenz setzte. Immerhin gab es ja auch Männer, die den Parteikurs seit geraumer Zeit ablehnten. Ich bin zu befangen, um in dieser Frage das geschlechtsspezifische Profil zu erkennen, aber es scheint mir nicht aus der Luft gegriffen. Frauen haben möglicherweise wirklich eine höhere Toleranzschwelle – manchmal ist es auch Leidensfähigkeit – als Männer, aber gerade deshalb auch eine ausgeprägtere Fähigkeit und Bereitschaft, Konsequenzen zu ziehen, wenn die Schwelle überschritten wird. Jedenfalls spricht meine bisherige Lebenserfahrung eher für diese These als gegen sie.

Nun war ich also selbst Chefin. Ich glaube, dass meine in dieser Eigenschaft gesammelten Erfahrungen nur bruchstückhaft als Grundlage allgemeiner Schlussfolgerungen geeignet sind. Von Anfang an hatte ich nämlich eine Sonderstellung als Parteigründerin und personifizierter Gegenpol zu einer bestimmten Art von Politik. Die Quotenregelung war Selbstverständnis – ohne niedergeschrieben zu sein, aber schon damals wusste ich, dass es so nicht bleiben könnte.

Ich bin heute überzeugt, dass ohne den statutarischen Zwang zur Quote es Frauen in allen Parteien unangemessen schwerer hätten als Kandidatinnen aufgestellt zu werden als selbst ungeeignetere Männer. Das ändert nichts daran, dass es natürlich auch die berühmte (unqualifizierte) Quotenfrau gibt, ebenso wie das auch bei Männern vorkommt, weil man glaubt, einen Jungen, einen aus dem Osten, einen aus dieser oder jener Berufsgruppe zu brauchen. Diese Unerfreulichkeit ist kein überhöhter Preis für mehr Chancengerechtigkeit. Vor allem aber bewirkt die Quote, dass man Frauen suchen und motivieren muss, sich einzubringen, und das ist in der Politik tatsächlich notwendig, denn ganz von selbst kommen die Wenigsten.

Viele meinen daher, dass mit Frauen besetzte Spitzenfunktionen Vorbildfunktion haben und Folgebeispiele auslösen. Ich glaube das auch, aber viel wichtiger ist doch die Frage, welche Art von Vorbild gegeben wird. Immer, wenn eine Frau für die Spitze kandidiert oder gar gewählt wird, fokussiert sich die Debatte darauf, ob denn die Zeit schon reif dafür sei. Nach den einschlägigen Wahlgängen in Österreich und Deutschland ist das wohl mit einem unzweifelhaften "Ja" zu beantworten. Ferrero-Waldner hatte die Stimmen der Konservativen, und mit jenen der "linken Emanzen", die eine Frau wollten, aber nicht diese, wäre die Mehrheit da gewesen. Angela Merkel hat es aller Voraussicht nach geschafft, Kanzlerin zu werden.

Und was jetzt? Sind wir damit in Sachen Gleichstellung einen Schritt weitergekommen? Ich fürchte, nicht einmal Frau Merkel. Ihr fehlt – typischerweise? – vor allem das, was in der politischen Sozialisation der Männer eine Selbstverständlichkeit ist: eine Hausmacht. Ich frage mich allerdings, ob die Frauen wirklich darüber traurig sein müssen. Ist von Frau Merkel zu erwarten, dass sie sich für den Schlüssel zur Gleichstellung, eine eigenständige Existenzabsicherung von Frauen einsetzt? Für eine gerechte Umverteilung von Erwerbs- und Familienarbeit? Für ein Umdenken auch im männlichen Selbstverständnis und Verhalten?

Solange Frauen an der Spitze in den traditionellen männlichen Kategorien weiterdenken und sich den männlichen Spielregeln anpassen, ist es ziemlich egal, ob Frauen oder Männer Macht ausüben. Das lässt sich ja auch schon als Fortschritt bezeichnen. Aber da muss man schon ziemlich zynisch sein. (DER STANDARD, Print-Album 22./23.10.2005)

Zur Person

Heide Schmidt ist Juristin. Die ehemalige Volksanwältin trat 1993 aus FPÖ aus und gründete das Liberalen Forum (LIF), dessen Bundessprecherin bis 2000 war. Im Sommer 2000 fand die Gründung des Instituts für eine offene Gesellschaft statt, dessen Vorstandsvorsitzende Schmidt seither ist.

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    foto: standard/cremer
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