Kjus: "Der Weltcup killt sich selbst"

16. November 2005, 11:41
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Lasse Kjus hat in dieser Saison nur ein Ziel: "Ich will bei Olympia in Top­form sein" - der Norwe­gische Dauerbrenner im Interview

Sölden - Nach einem gemütlichen Sommer in seinem norwegischen Sommerhaus mit Faulenzen, Surfen und Segeln startet Lasse Kjus am Sonntag in seine 16. Weltcup-Saison. Der 34-Jährige "Big-Event"-Spezialist, der im Laufe seiner Karriere elf WM- und fünf Olympia-Medaillen gesammelt hat, hat auch diesmal nur ein Ziel: die Winterspiele in Italien. Im APA-Interview in Sölden sprach der Super-Elch u.a. über seine Spezialtaktik bei Großereignissen, die Eigenarten im ÖSV-Team, die Dopingproblematik und seine Weltcup-Änderungsvorschläge.

Wie lauten Ihre Ziele im kommenden Winter?

Ich will bei Olympia in Topform sein.

Und der Gesamt-Weltcup?

Für den Gesamt-Weltcup bin ich nicht stark genug. Außerdem werde ich mir vor Olympia das eine oder andere Timeout nehmen. Das Weltcup-Programm ist mir zu heftig, vor allem im Dezember und im Jänner. Nach den Überseerennen werde ich eine Woche Energie tanken und Weihnachten und Silvester muss auch gebührend gefeiert werden.

Was macht Ihre besondere Stärke bei den "Big-Events" Olympia und WM aus?

Ich weiß genau, was ich bis dahin tun muss, wie viel ich trainieren muss. Im Weltcup geht es Schlag auf Schlag, Rennen, Rennen, Rennen,... Bei Olympia nehme ich mir vorher eine Pause und kann auf Grund des größeren Zeitraums zwischen den Bewerben auch dort immer wieder meine Batterien aufladen. Dieser Rhythmus liegt mir, dadurch finde ich meine Topform.

Wir verfolgen Sie die Geschehnisse im österreichischen "Powerteam"?

Wir Norweger können viel von den Österreichern lernen, sie sind seit Jahren die Nummer eins. Seltsam finde ich nur, wie sie bei Großereignissen vorgehen. Die Läufer müssen immer bis zum Schluss um einen Startplatz raufen. Ich glaube, dass das der Grund für den fehlenden Erfolg bei manchen Großereignissen ist. Aber sie sollen das ruhig weiter so machen, denn das ist gut für uns.

Also sind Sie eigentlich froh, dass Sie kein Österreicher sind?

Manchmal schon. Wäre ich ein Österreicher, wäre mein Leben als Skifahrer um einiges schwieriger.

Das dichte Weltcup-Programm ist Ihnen ein Dorn im Auge, in welche Richtung soll sich der Skizirkus verändern?

Viele Rennen in kurzer Zeit bedeuten viel Geld für die FIS. Aber der Weltcup leidet darunter, er killt sich damit selbst. Viele Rennen bedeutet weniger Qualität und im Endeffekt weniger Interesse. Der Weltcup ist in meinen Augen eine Sache für Samstag und Sonntag. Kitzbühel interessiert zehn, 20 oder hundert Mal mehr Leute als irgendein Super G an einem Dienstag. Man sollte darüber nachdenken, es kommt auf die Qualität und nicht auf die Quantität an.

Hermann Maier outet sich immer wieder als großer Verehrer Ihres eleganten Fahrstils. Ein besonderes Kompliment?

Ein großes Kompliment. Meine größte Fähigkeit ist es, sanft zu fahren und gleichzeitig den Speed hochzuhalten. Aber ich bin ein großer Kerl, da sieht man leicht sanft und feinfühlig aus. Vor seinem Unfall hatte Maier einen unglaublichen Stil, er fuhr hart, aggressiv und mit Gefühl. So aggressiv wie er, konnte ich nie fahren.

Wie haben Sie den Dopingfall Hans Knauß verfolgt?

Mit tut es unheimlich leid für ihn, aber einem Verband mit derartigen Möglichkeiten und Ressourcen sollte so etwas normalerweise nicht passieren. Auch in Norwegen passierten schon ähnliche Fälle. Das geht leider sehr schnell und einfach: eine Firma produziert an einem Tag Anabolika und Steroide, und am nächsten Tag im selben Topf Proteine. Klar, dass es da Überreste geben kann.

Was kann man als Sportler dagegen tun?

Das Olympiakomitee in Turin entwirft etwa eine sehr nützliche Liste mit Hinweisen, welche Produkte sicher und welche gefährlich sind. Diese können wir Athleten via Internet abrufen. Wir hoffen, dass so etwas nie wieder passiert.

Wo bewahren Sie ihre Medaillen auf?

Ich habe mir im Sommer zum ersten Mal einen Safe gekauft, die Medaillen sind da aber nicht drinnen. Ein paar sind im Haus meiner Eltern, ein paar bei mir zu Hause. Aber keine einzige hängt an einer Wand, das hat mir meine Freundin verboten. Sie achtet sehr gut darauf, dass ich immer schön am Boden bleibe.(APA)

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    "Wäre ich ein Österreicher, wäre mein Leben als Skifahrer um einiges schwieriger"

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