Die Aisslinger- Temperatur

27. Oktober 2005, 15:39
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Weit entfernt von einem Dasein als bloßer Formgeber, zeichnet sich die Arbeit von Werner Aisslinger vor allem durch Erfindergeist aus

Wenn man einen deutschen Designer designen sollte, müsste so etwas herauskommen wie Werner Aisslinger. Er ist ein Machertyp, niemand, der sich in eine fixe Idee verrennt und wartet, bis sich ein Auftraggeber als würdig erweist, sie zu realisieren. Für ihn sei das Bauchgefühl wichtiger als rationales Design, hat er einmal gesagt. 1964 in Nördlingen geboren, studiert Aisslinger von 1987 bis 1992 an der damaligen Hochschule der Künste in Berlin Design. Es ist die Zeit des "Neuen Deutschen Designs". Künstler, Musiker und Schrauber prägen die Westberliner Szene. Aus vorgefundenen Dingen werden neue arrangiert. Experimente sind angesagt.

Aisslinger durchbohrt Versandhauskataloge und schraubt sie zum "Otto-Sessel" zusammen, aufgeschlagene Kataloge bilden die Armlehnen. Prägend ist der Einfluss seines Professors Hans "Nick" Roericht. Der initiiert mit einem Stab von gleichgesinnten Professoren, Mitarbeitern, älteren Studenten und anderen ein Institut, welches das Designstudium neu erfindet. Roericht holt Wissenschafter und Trendforscher in die Hochschule, Querdenker aller Art. Ziel ist es, die Fachidiotie des Designstudiums zu überwinden. Designer sollen als Berater fungieren.

Roericht, der an der Hochschule für Gestaltung in Ulm studierte, transformiert sein Wissen in die Jetztzeit. Designer müssen eine andere, wichtigere Rolle spielen, als pure Formgeber zu sein, wollen sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden. In einem Gespräch mit seiner heute als Journalistin tätigen Ex-Kommilitonin Marion Godau erinnert sich Aisslinger: "Die damals vertretene Maxime, dass der Weg das Ziel sei, finde ich reichlich naiv. Das fand ich schon damals, und halte es auch heute für völlig falsch. Was aber funktioniert: das gesamte Spektrum zu nutzen und aufzumachen, also open-minded nach links und rechts zu sehen und erst dann den Trichter wieder zumachen."

Aisslinger behauptet, im Halbschlaf...

... die besten Ideen zu haben. Eine davon war bestimmt, an das Studium Wanderjahre bei den besten und interessantesten Designbüros anzuschließen. So geht er nach London zu Jasper Morrison und Ron Arad, später zu Michele De Lucchi nach Mailand. 1993, kaum zurück in Berlin, gründet er sein eigenes Büro "studio aisslinger" und tritt mit ersten, eigenen Projekten an die Öffentlichkeit. Für den italienischen Möbelhersteller Porro entwirft er, was alle deutschen Designer einmal im Leben entwerfen müssen: ein Regalsystem. Aisslingers Endlosregal hat eine besonders intelligente Verknüpfung aus kreuzförmigen Metallelementen, die das Regal stabilisieren. Für seinen Entwurf erhält der Berufsanfänger den Bundespreis Produktdesign.

Vom Entwurf für die Serie zur Anpassungsarbeit in Serie: Die neue Telefongesellschaft E-Plus stampft binnen kurzer Zeit rund 60 kleine Läden in Innenstadtlagen aus dem Boden. Das hölzerne Einrichtungssystem entwirft Aisslinger - für jeden der Läden - und passt es den örtlichen Gegebenheiten an. Dann wird Giulio Cappellini, eher Sammler herausragender Designideen als Unternehmer, auf Aisslinger aufmerksam. Aus einer Vielzahl konkreter Ideen kommt 1998 letztlich ein herausragendes Möbel tatsächlich auf den Markt: der "Juli-Chair", den der junge Vater nach seinem ersten Sohn Julian benennt. Der Stuhl mit seiner beweglichen, gummiartigen Schale, die sich wie ein Blatt öffnet, erinnert an Möbel aus den Sechzigerjahren und ist doch ganz im Jetzt zu Hause. Heute steht das gute Stück in der permanenten Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

Nach ersten Erfahrungen mit den stets zögerlichen Möbelherstellern beschließt Aisslinger, Entwicklungsarbeit auf eigene Faust zu machen. Eine neue, gallertartige Masse, die zur Dämpfung in Fahrradsätteln eingesetzt wird, holt er ans Licht und gestaltet darum herum eine Möbelkollektion. Der italienische Hersteller Zanotta bringt später eine Gel-Liege von Aisslinger auf den Markt, die zu den meistfotografierten Designobjekten des Jahres 2000 zählen dürfte, denn die "Soft Chaise" verbindet auf beispielhafte Weise ein futuristisches Versprechen mit der Verheißung von Entspannung und Ruhe.

Für einen Frankfurter Showroom von DaimlerChrysler greift Aisslinger noch einmal seine raumgreifenden Hightechinstallationen aus Studientagen auf und verwandelt sie zu einem Informationsobjekt für Autointeressenten. Inzwischen lehrt Aisslinger als Gastprofessor an seiner alten Hochschule und im finnischen Lahti. Als in Karlsruhe eine neue Hochschule für Gestaltung mit einem neuen Modell, bei dem Professoren nur auf Zeit berufen werden, ihre Pforten öffnet, ist Aisslinger auch dabei. Denn dieses Modell lässt es zu, Forschung, Lehre und eigenes Designstudio unter einen Hut zu bringen. Im Gegensatz zu den beamteten Professoren, die nach kurzer Zeit entweder ihr Büro oder die Lehre vernachlässigen.

Eine neue Phase beginnt...

... für Aisslinger auf dem Dach von Universal Music. Auf dem Hauptverwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete er 2003 sein "Loftcube", ein lichtdurchflutetes, mobiles Haus der Zukunft. Da war sie wieder, die Botschaft seines Lehrers Roericht: Designer haben weit mehr Kompetenzen, als nur Formen zu erfinden. Firmen wie Interlübke und Vitra, Großmächte des Designs, mussten Aisslinger nicht mehr lange kennen lernen, aber nun kamen auch von ihnen Aufträge. Der letzte Streich war das Vitra-Projekt "Level 34". Im Prinzip geht es dabei um ein Stück gefinkeltes Wohnzimmer, das Aisslinger in die Bürowelt bringt.

Die komplett modulare Inneneinrichtung eines Loft, einer Werbeagentur oder eines anspruchsvollen Homeoffice lässt sich mit Aisslingers Möbelprogramm herstellen. Das System ruht auf einer Bank mit modisch leicht schräg gestellten Beinen. Unter der Bank verschwindet in einer unsichtbaren Drahtwanne die komplette Verkabelung, die der jeweilige Raum benötigt. Je nach Bedarf können einzelne Korpusmöbel, Tische, Wandpaneele, Sitzelemente oder Blumentöpfe auf der durchgehenden Bank fixiert werden. In den Seitenwänden eines jeden Korpusmöbels verschwinden wiederum die Kabel von Fernseher, Drucker und Kaffeemaschine.

Aisslinger erkennt einen schleichenden Bedeutungsverlust des Designers seit den Siebzigerjahren. Unternehmer befragen heute zunächst einmal Trendforscher, bevor sie einen Auftrag an einen Designer vergeben. Und dieser soll dann genau das machen, was der Trendforscher oder ein Betriebswirt zuvor für nötig befunden haben. Auch wenn die Analyse stimmt: Seine eigene Arbeit verhält sich da ganz und gar antizyklisch. (Siehe Interview)
(Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/21/10/2005)

In Wien präsentierte er vor Kurzem das Vitra-Projekt "Level 34"

Link

www.aisslinger.de
  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • "Gel Chairs" (Cappellini), eine Möglichkeit Vitras "Level 34" anzuordnen. "X-Tisch" (Boewer), Mobiles Appartement "Loftcube". Detail des "Plus Unit" (Magis) und Wohniglu "Microdome".
    foto: hersteller

    "Gel Chairs" (Cappellini), eine Möglichkeit Vitras "Level 34" anzuordnen. "X-Tisch" (Boewer), Mobiles Appartement "Loftcube". Detail des "Plus Unit" (Magis) und Wohniglu "Microdome".

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