Werbewalze Weltcup

4. November 2005, 00:00
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Früher, schneller, bunter: Die Winteropenings und Saisonauftakte treiben grelle Blüten

Im Fernsehen schaut alles halb so wild aus. Fast spielerisch carven Bode Miller oder Anja Pärsson durch die Tore, beschleunigen von einem Bogen zum nächsten und schieben sich in eleganter Rückenlage mit Hochgeschwindigkeit durchs Ziel.

Aber steh einmal selbst oben an der Kante zum Zielhang: Das Gefälle ist deutlich steiler, als es auf dem Bildschirm den Anschein hat, der vereiste Schnee ist pickelhart, und die Skier rattern über die Rippen. Der Atem ist kurz auf fast 3000 Meter Seehöhe, und die Beinmuskeln brennen und zittern.

Jetzt erst begreift man, wozu Anja Pärssons imposante Oberschenkel gut sind, aber Bernhard Gstrein, Ötztaler Ex-Slalom-Ass aus dem Bergsteigerdorf Vent, kennt kein Mitleid. "Lei lööffn lossn", ruft er zurück, und dann wagen wir uns, mehr rutschend als carvend, den Steilhang hinunter, aufatmend erst im Auslauf, wo das Bundesheer gerade die Zuschauertribünen abbaut. Dieses Wochenende (22. und 23. Oktober) startet wieder die Skisaison, mit dem Auftakt des alpinen Skiweltcups auf dem Rettenbach-Ferner in Sölden, je einem Riesenslalom für Damen und Herren.

Rechtzeitig ging dafür die Gondelbahn auf die Innere Schwarze Schneid, in die bei einem tragischen Unfall vor zwei Monaten eine Hubschrauberladung gekracht war, wieder in Betrieb.

Exakt hundert Jahre ist es heuer her, dass Mathias Zdarsky, der Skipionier, im niederösterreichischen Alpenvorland einen Riesentorlauf veranstaltete, jene alpine Wettbewerbsdisziplin, die am ehesten der Fahrweise des Durchschnittsfahrers entspricht.

Keiner, der damals mit unförmigen Eschenholzlatten und nur einem Stock als abwechselnd linker und rechter Stütze die Hänge des Muckenkogels hinunterpflügte, konnte ahnen, welch weltweiter Massensport und welch Milliardengeschäft der alpine Skilauf einmal werden sollte. Immer früher im Jahr drängt es die jugendliche Spaßgesellschaft auf die Pisten, und damit auf die Gletscher, weil im Oktober und November die Tallagen wegen der zu hohen Temperaturen noch nicht beschneit werden können.

Kitzsteinhorn, Dachstein (auch für Langlauf),...

... Pitztal, Kaunertal und Paznaun buhlen um die Gunst der Ski- und Snowboardsüchtigen in den Großstädten, die Anfahrten von manchmal acht Stunden in Kauf nehmen, um schon im Herbst auf der Abfahrt zu stehen. Den Vogel in diesem Kampf um die ersten vollen Pensionen der Wintersaison schoss zweifelsohne Sölden im Tiroler Ötztal ab.

Wenn alpine Weltcuprennen im Hochwinter Zehntausende live zum Hahnenkammrennen nach Kitzbühel oder zum Schladminger Nachtslalom und Millionen vor die Fernsehschirme locken, warum sollte das nicht erst recht beim ersten Event der Saison der Fall sein? - Wenn's um die ersten Sieger, die ersten Punkte und alle möglichen Spekulationen um den Gesamtsieger am Ende des Winters geht. Die logistischen Vorbereitungen für so ein Rennen sind gigantisch. Allein um die Tieflader mit den Teilen für die Tribünenaufbauten auf den Rettenbach-Ferner zu karren, mussten die Radien der Serpentinen vergrößert werden. Ohne Bundesheer-Assistenz ginge gar nichts.

Und was wäre, wenn beim Weltcup-Auftakt einmal so orkanartige Stürme herrschten wie vergangenes Jahr im November, als über hundert Skifahrer bis zu acht Stunden in ihren Seilbahngondeln festsaßen, mag sich niemand wirklich vorstellen. Bisher lief beim Weltcup-Auftakt alles gut.

Fast 30.000 Zuschauer kamen vergangenes Jahr ins 2700 Meter hoch gelegene Skistadion, 17.000 allein am Sonntag beim Herrenrennen. Wenn dann mit Bode Miller (USA), Massimiliano Blardone (Italien) und Kalle Palander (Finnland) drei nicht österreichische Nationen auf dem Podest stehen, freut das wegen der internationalen Werbewirksamkeit die Ötztaler besonders, auch wenn sie das nie zugeben würden.

Vom Sportlichen des Weltcup-Ablaufs her gesehen ...

... ist der Söldener Auftakt eher unsinnig. Kaum hat die Saison begonnen, wird sie auch schon wieder unterbrochen, um erst Wochen später vor kaum einem Publikum und unsicheren Wetterbedingungen in Nordamerika wieder aufgenommen zu werden.

Erst im Dezember in Gröden und später im Gadener Tal, in Wengen, Cortina, Kitzbühel oder Garmisch kommt die Werbewalze Weltcup wieder so richtig in Schwung. Aber darum geht es nicht. Es geht um die beinharte Platzierung von Fremdenverkehrsorten im regionalen und internationalen Tourismus-Konkurrenzkampf. In diesem Kampf mit der Regionalpolitik - um Subventionen, um Straßenprojekte und Erschließung neuer Gletschergebiete - zieht die Rücksicht auf Umweltprobleme oft den Kürzeren, Interessen werden nicht selten abgetauscht.

Im Gebiet von Sölden - oberhalb des zur Gemeinde gehörenden Dorfes Vent - plant die landeseigene Wasserkraftgesellschaft einen Großspeicherdamm, der die Landschaft des Bergsteigerdorfes sehr in Mitleidenschaft ziehen würde. Gegen den Willen der Venter beschloss der Söldener Gmeinderat kürzlich die Gesprächsbereitschaft für das Projekt.

Termininfos:
Weltcup-Auftakt, 22. 10.,
RTL Frauen, 23. 10., RTL Männer, Beginn jeweils 9.45 Uhr.
Tel: 05254/510; www.soelden.com
Die Termine des gesamten Weltcup-Winters unter www.fisski.com
Zum Umweltschutz:
www.alpenverein.or.at/naturschutz; www.dietiwag.org.
(Der Standard/rondo/21/10/2005)

Von Horst Christoph
  • Mit Beachpartys auf dem Gletscher wie "Queen of the Beach" oder Riesenspektakel wie "Hannibal" versuchen Skiorte wie Sölden erfolgreich, die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
    foto: tvb/bbs sölden pass

    Mit Beachpartys auf dem Gletscher wie "Queen of the Beach" oder Riesenspektakel wie "Hannibal" versuchen Skiorte wie Sölden erfolgreich, die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

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