"Alles gehört dem Tod"

17. Oktober 2005, 18:14
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Prophetische Rede: Marcos Prado findet in "Estamira" eine ungehaltene Brasilianerin

"Meine Mission, abgesehen davon, dass ich Estamira bin, ist, die Wahrheit zu sagen." Die alte Frau, die diesen ersten Satz in Marcos Prados Dokumentarfilm "Estamira" spricht, steht auf einer Müllhalde. Vögel und Fetzen fliegen herum, der blaue Himmel leuchtet über ihr. Marcos Prado ist Estamira an diesen Ort gefolgt, mit einer Kamera, die auf Distanz geblieben war, weit weg von dieser traurigen Gestalt, die sich zwischen den riesigen Lkws und den giftigen Dämpfen ihren Weg sucht.

Estamira ist 63 Jahre alt. Sie spricht eine Sprache der Negativität. Ihre Tiraden, die sie mit tiefer Stimme hält, sind gegen Gott und die Welt gerichtet, gegen die, die an das Gute glauben, gegen die Demütigen und im Zweifelsfall auch gegen den Teufel. Ein radikales Aufbegehren äußert sich in dieser Sprache. In ihrer Rede geht Estamira auch weit über sich selbst hinaus. Sie fantasiert ihre "Desinkarnation".

Marcos Prado, der 1961 in Rio de Janeiro geboren wurde und als Dokumentarfilmer bisher vorwiegend für National Geographic Television gearbeitet hat, findet in Estamira eine Person, die auf eine gewisse Weise ganz Brasilien in sich trägt. Schrittweise lässt er dabei jedoch erkennen, dass die Sprachgewalt von Estamira auf eine Psychose zurückzuführen ist, auf eine Persönlichkeitsspaltung, mit der ihre Enkelkinder recht gelassen umgehen: "Großmutter, warum bist du auf Gott so zornig?" Er hat sie doch in diese Welt gestellt, gegen die sie so inbrünstig aufbegehrt, meinen die Kinder.

Die traumatische Geschichte von Estamira, die Marcos Prado rekonstruiert, begann, als sie zwölf Jahre alt war und in ein Bordell gebracht wurde. Mit siebzehn fand sie einen Mann, der sie von dort wegheiratete. Aber er hatte viele andere Frauen, und Estamira flüchtete mit einem Kind vor ihm. In Brasilia begann sie ein neues Leben. Geduldig nähert sich Marcos Prada dem Inneren der Wahnvorstellungen von Estamira. Es sieht aus, als gründe ihre Wut gegen Gott und die Welt in einem Schuldgefühl, das sie ihrer eigenen Mutter gegenüber hat, einer Frau, die selbst psychische Probleme hatte und in den brasilianischen Krankenhäusern ohne Betreuung blieb.

"Estamira" ist eine Studie über Wahnsinn und Gesellschaft unter den Bedingungen einer Kultur, die diesbezüglich andere Unterschiede macht, als sie in der europäischen Neuzeit entwickelt wurden. Bei der ersten Einlieferung Estamiras in ein Krankenhaus stößt sie die Namen von Wesenheiten aus der Macumba- und Voodoo-Religion aus. Ihre Trance oder ihre Ekstase gehört also möglicherweise in ein anderes System als das von Gesundheit/Krankheit. Erst durch diesen Zusammenhang gewinnt Marcos Prados Film eine Dimension, die über Psychiatriekritik hinausgeht. Estamira wird auch für ihn zu dieser "Inkarnation" des brasilianischen Elends: "Ich bin der Rand."

Sie thematisiert ihre Marginalität, und Prado findet dafür, neben den orthodoxen Farbbildern, die er für die Realitätsebene verwendet, auch einen eigenen Stil - es sind eben jene distanzierten, verwaschenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in denen das Individuum wie ein zufälliges Partikel erscheint. Auch wenn Prado über Estamira so viel erzählt, dass ihr Sprechen einen sozialen Hintergrund bekommt, nimmt er der Gewalt ihrer Worte nicht die Spitze. Für die Kamera gibt es keinen Unterschied, wer (in oder aus Estamira) spricht. Auf der prophetischen Ebene dieses Films spricht sie "die Wahrheit", wie nur ein zerrissenes Individuum sie zum Ausdruck bringen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2005)

Von Bert Rebhandl

19. 10.,
Künstlerhaus, 15.30

22. 10.,
Metro, 18.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
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