"Zunehmende Agressionen" gegen Belgrader Menschenrechtlerin

17. Oktober 2005, 13:45
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Sonja Biserko: "Bin wohl der Staatsfeind Nummer eins" - TV-Sender wegen falscher Bombendrohung geräumt

Belgrad - Eine der führenden serbischen Menschenrechtlerinnen, die Leiterin des Belgrader Helsinki-Komitees für Menschenrechte, Sonja Biserko, ist zunehmenden Pressionen und Drohungen ausgesetzt. "Die Aggression nimmt seit anderthalb Jahren zu", sagte Biserko am Montag in einem Telefongespräch mit der APA.

Die Drohungen hatten am Sonntagabend einen erneuten Höhepunkt erreicht. Der Belgrader TV-Sender B-92 erhielt Bombendrohungen, als Biserko im Studio zu Gast war. Die Bombe wurde einer SMS-Meldung zufolge in eine Mülltonne vor dem Sendergebäude gelegt. Die Polizei durchsuchte die Gegend und wurde nicht fündig. Eine ähnliche Bombendrohung hatte der Sender auch Mitte Juli erhalten, als Biserko Studiogast war.

Gespräche über Kosovo-Status

Biserko bringt die Drohungen mit der innerpolitischen Situation in Verbindung. Ganz konkret mit den ethnisch motivierten Zwischenfällen in der Vojvodina, über das sich jüngst auch das Europaparlament besorgt gezeigt hatte, und mit der bevorstehenden Aufnahme der Gespräche über den künftigen Status des Kosovo.

"Ich bin wohl der Staatsfeind Nummer eins", scherzt Biserko. Doch die Menschenrechtlerin hat Grund genug zur Sorge. Auf der Straße wird sie seit Jahren immer wieder von PassantInnen beschimpft, sie ist auch physischen Angriffen ausgesetzt. Vor ungefähr zwei Monaten sei in ihre Wohnung eingebrochen worden. Die Diebe, die etwas Geld und Schmuck verschwinden ließen, hätten öffneten die Wohnungstür mit einem passenden Schlüssel geöffnet. Nach dem Einbruch seien eine Zeit lang Polizisten vor der Wohnung postiert gewesen. Inzwischen sei der Polizeischutz aber wieder eingestellt worden. Über die Gründe dafür sei sie nicht informiert worden, sagte Biserko. Die Polizei hielt es auch nach der gestrigen Bombendrohung nicht für nötig, mit Biserko in Kontakt zu treten.

Personenschutz für Biserko gefordert

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) mit Sitz in Göttingen forderte vergangene Woche Belgrad auf, Biserko zu beschützen. "Sonja Biserko hat sich unermüdlich für Menschen- und Bürgerrechte eingesetzt. Sie hat ihre Stimme gegen den Bosnien-Krieg, gegen den Genozid an den bosnischen Muslimen erhoben. Sie hat mit der serbischen Antikriegsbewegung versucht, Serbien und seinen Nachbarländern diesen Krieg zu ersparen. Sie hat sich für die Opfer eingesetzt, hat auf internationalen Konferenzen mit vielen Publikationen, Büchern und Artikeln gegen die Kriegsverbrechen protestiert, sie hat Projekte für die Rückkehr der serbischen Flüchtlinge in die kroatische Krajina initiiert und sich gemeinsam mit der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) für die Frauen von Srebrenica eingesetzt", steht es im Schreiben, das die Gesellschaft an den serbischen Präsidenten Boris Tadic, Ministerpräsident Vojislav Kostunica, Justizminister Zoran Stojkovic und Innenminister Dragan Jocic richtete.

Die permanente Hasskampagne gegen Biserko wurde am 8. September 2005 von der serbischen Zeitung "Tabloid" ins Unerträgliche gesteigert: Man beschuldigte Biserko, kroatische Spionin zu sein, veröffentlichte ihre private Anschrift und auch die persönlichen Daten ihrer engsten Familienangehörigen, warnte die Gesellschaft. "All das kommt einer Aufforderung zur Lynchjustiz gleich und geschieht in einem Land, dessen Ministerpräsident Zoran Djindjic vor zwei Jahren einem feigen Mordanschlag zum Opfer fiel."

Eine Reaktion der offiziellen Stellen auf das GfbV-Schreiben bis Montag ausgeblieben. (APA)

  • Archivbild von Sonja Biserko
    foto: standard
    Archivbild von Sonja Biserko
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