Von Humanität geleiteter Forscherdrang

14. Oktober 2005, 21:35
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Geistesblitz: Orthopäde Rainer Kotz erhielt am Freitag den Erwin Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Der Jemen. Eine Leprasiedlung. Damit sie sich ihre Fußsohlen auf dem steinigen Boden nicht blutig laufen, basteln sich die Bewohner Schuhe aus zerschnittenen Autoreifen. Damit laufen sie sich wund, doch etwas anderes haben sie nicht. Der Wiener Arzt Rainer Kotz treibt ein Aluminiumfenster auf, zersägt es, nimmt einen Hammer und treibt aus den Blechstücken orthopädisch angepasste Einlagen. Es funktioniert. Dann operiert er die Kranken. 17 in einer Woche. Einem Patienten muss sogar die ganze Schulter entfernt werden. Kotz treibt eine Prothese auf, setzt sie ein. Es funktioniert. Ahmed, ein achtjähriger Bub, hat einen Tumor. Der kann im Jemen nicht operiert werden. Rainer Kotz, Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie der Medizinischen Universität Wien, holt das Kind nach Österreich. In Wien wird der Bub von Kotz erfolgreich behandelt. Völlig kostenlos.

Helfen, wo sonst niemand hilft

"Natürlich bin ich vom Humanismus geleitet, sonst wäre ich wohl nicht Arzt geworden", sagt Kotz. Und: "Es ist unglaublich befriedigend, wenn sie dort helfen können, wo sonst niemand hilft." Der Tumororthopäde hat schon vielen helfen können, vor allem Kindern: Rainer Kotz hat nämlich eine Prothese entwickelt, die ohne chirurgischen Eingriff von außen an das Wachstum der Kinder angepasst werden kann. Für seine wissenschaftliche Arbeit erhielt Rainer Kotz vergangen Freitag von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften der Erwin Schrödinger Preis, die mit 15.000 Euro dotierte höchste und anerkannteste Auszeichnung, die die Institution jährlich vergibt. Er teilt sich den Preis mit dem Materialforscher Franz Dieter Fischer von der Montanuni Leoben (mehr über Fischer im nächsten ALBUM). Es ist dies die zweite Auszeichnung, die Kotz heuer zuteil wurde: Erst vor fünf Monaten erhielt der Arzt und Wissenschafter das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien.

Biografie

Rainer Kotz wird 1941 geboren, beginnt 1960 in Wien das Studium der Medizin. 1974 wird er Facharzt für Orthopädie und zugleich Leiter des Tumordepartments der Orthopädischen Universitätsklinik. Dieser Schwerpunkt begleitet ihn während seines gesamten beruflichen Werdegangs. 1979 habilitiert sich Rainer Kotz, 1984 wird er ordentlicher Professor und Vorstand der Orthopädischen Universitätsklinik. Rainer Kotz macht die Wiener Uniklinik mit seinen Prothesen in der ganzen Welt bekannt. Er publiziert mehr als 200 Arbeiten, ist Herausgeber etlicher Fachmagazine, Präsident zahlreicher orthopädischer Gesellschaften im In- und Ausland und erhält mehrere Preise.

Und was macht der dreifache Familienvater in seiner Freizeit? "Da spiele ich ein wenig Tennis, hauptsächlich bin ich aber im Garten und befasse mich mit meiner Bonsaisammlung." Oder mit einem etwa 3,4 Millionen Jahre alten Knie eines Humanoiden, das er von der Wiener Anthropologie zur Untersuchung bekommen hat. Kotz will über das knöcherne Fossil die Weichteile rekonstruieren "und nachweisen, dass unsere Vorfahren damals viel stärkere Kreuzbänder hatten als wir heute." (red/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10. 2005)

  • Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie der Medizinischen Universität Wien Rainer Kotz.
    bild: der standard

    Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie der Medizinischen Universität Wien Rainer Kotz.

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