Von Vätern, Söhnen und Zähnen

21. Oktober 2005, 12:46
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Martin Amis' autobiografisches Erfahrungsbuch "Die Hauptsachen"

Mein Leben, so scheint mir, ist lächerlich formlos. Ich weiß, was zu einer guten Erzählung gehört, und das Leben hat nicht viel davon zu bieten - Struktur und Harmonie, Form, Vollständigkeit, Ausgewogenheit. Oftmals gleicht ein Leben, zumindest am Anfang, einer Erfolgsgeschichte; aber die einzige Form, die ein Leben zuverlässig an den Tag legt, ist die der Tragödie - nur ohne pompöse Zutaten wie Schicksal, Nemesis oder Verhängnis."

Das Leben, kein Roman? Martin Amis (Jg. 1949), der Autor von Romanen wie Gierig oder Nighttrain und neben seinen Kollegen Julian Barnes und Ian McEwan der wichtigste englische Schriftsteller seiner Generation, unternimmt in Die Hauptsachen den Versuch, dem eigenen Leben schreibend beizukommen, ohne sich dafür der Form einer konventionellen Autobiografie zu bedienen.

"Erfahrungsbuch", wäre ein Begriff, mit dem sich seiner unchronolgisch gehaltenen Erzählung - die immer wieder unterbrochen wird von Briefen sowie kunstvoll abschweifenden Fußnoten - am ehesten beikommen ließe. Nicht umsonst heißt das Buch im 2000 erschienenen Original Experience. Und die hält sich an keine Ordnung. Die Hauptsachen, wie Werner Schmitz' gewohnt erstklassige Übersetzung auch nicht ganz falsch titelt, das meint hier einschneidende Erfahrungen mit der Familie, Freunden und sich selbst, Abschiede, Scheidungen oder aber auch Probleme mit den Zähnen (von diesem schön bizarren Hauptstrang später mehr).

Die Erfahrung, "dieser elende Feind", trat pünktlich zur Midlife Crisis in Martin Amis' Leben. Bis dahin war er ein sensationell erfolgreicher Autor, ein schnell schreibendes und lebendes Wunderkind, wie es später Autoren wie Bret Easton Ellis oder Benjamin v. Stuckrad-Barre ähnlich repräsentierten, einer jener Autoren, die sich auch in den Klatschspalten wiederfinden.

In den Neunzigerjahren schlitterte Amis als Schreiber wie als Privatperson in eine tiefe Krise. Neue Bücher wurden, teils zu Recht, der Einfallslosigkeit geziehen und auch immer rarer; Amis trennte sich von der Mutter seiner zwei Söhne, um in New York mit der reichen Erbin Isabel Fonseca zusammenzuleben; er erfuhr von einer fast erwachsenen Tochter; sein übergroßer Vater Kingsley Amis, ein in England immer noch sehr berühmter Autor, lag im Sterben; und seine mehr als 20 Jahre vorher verschwundene Cousine Lucy wurde als Opfer des bestialischen Serienmörders Frederick West identifiziert.

"Mein Körper bestand nur noch aus meinem Herzen", schreibt Amis über sein Empfinden in dieser Zeit. Da sein literarisches Talent langsam zu versanden drohte, lag es nahe, die Auseinandersetzung mit den traumatischen Ereignissen nicht nur zu selbsttherapeutischen Zwecken zu betreiben, sondern dadurch auch als Schreiber wieder in die Gänge zu kommen. So lange Die Hauptsachen Amis in der zweiten Hälfte der Neunziger gequält haben mögen, das ebenso bewegende wie unterhaltsame Ergebnis rechtfertigt alle Mühen.

Als große Leistung von Amis erweist sich dabei sein, auch angesichts letzter Dinge wie dem schweren Abschied von seinem hassgeliebten, als reaktionärem Provokateur alter Schule gezeichneten Vater ("Ich nehme an, du bist . . . dagegen, stimmt's?", fragt dieser, als der Sohn ihm von der Arbeit an einem Text über Nuklearwaffen erzählt) zwar tief bewegter, aber erfreulich unsentimentaler Ton. Natürlich lässt sich einer Szene am Sterbebett nicht ganz ohne Klischees beikommen, aber Amis umschifft kitschige Gemeinplätze über Familienangelegenheiten großräumig.

Auch Eitelkeit und Stolz liegen ihm fern. Bezeichnenderweise erlaubt er sich diese Sünden nur dann, wenn es um die Arbeit geht ("Die Arbeit ist immer noch die Existenz"). Das einzige unangenehme Kapitel der Hauptsachen handelt vom Zerwürfnis mit Julian Barnes. Amis hatte den Vertrag mit dessen Gattin Pat Kavanagh als seine literarische Agentin gekündigt, Barnes revanchierte sich per brieflichem "Fuck off!"- Foul. Das ist Jahre her, dennoch ist es Amis noch ein Bedürfnis festzuhalten: "Es wurde gesagt, ich hätte mich abgewandt. Ich bin nicht derjenige, der sich abwendet." Geistesgrößen unter sich, doch zugehen tut es wie im Kindergarten - eigentlich eh auch berührend, letztlich.

Der Höhepunkt der Hauptsachen aber sind die minutiösen Schilderungen von Amis' hartnäckigen Zahnproblemen. Ein voyeuristisches Vergnügen einerseits, vor allem aber läuft der Autor in diesen Passagen mit spürbarem Ehrgeiz zu ganz großer Form auf. "Erst beende ich den Roman. Dann setze ich mich auf den Zahnarztstuhl", sagt er zu seiner Partnerin, wissend, dass er so schnell nicht mehr vom Sessel runterkommen wird (am Ende muss ein künstliches Gebiss her). "Die Hände von Mike Szabatura", heißt das entsprechende Kapitel. Da schwingt Hochachtung vor dem behandelnden Zahnarzt mit, aber natürlich auch nackte Angst. Das Leben, manchmal schlägt es jeden Roman. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2005)

Von Sebastian Fasthuber
  • Martin Amis: "Die Hauptsachen"Aus dem Englischen von Werner Schmitz. € 25,60/455 Seiten. Hanser, München 2005.
    buchcover: hanser

    Martin Amis:
    "Die Hauptsachen"
    Aus dem Englischen von Werner Schmitz. € 25,60/455 Seiten. Hanser, München 2005.

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