Der Tod ist nicht das Ende

10. Oktober 2005, 20:31
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Selbstüberschätzende Stilisierung zum Hofnarren, der dem Volk den Spiegel vorhält: Alf Poier in "Kill Eulenspiegel"

Von der Vernunft zum Tode verurteilt, will Alf Poier nicht mehr Clown sein. Aber nach einem längeren Leerlauf mit müden Witzchen macht er in "Kill Eulenspiegel" doch wieder das, was er am besten kann: eine groteske Show.


Wien – Meditieren mit Alf Poier: Das geht einfach nicht. Denn erstens mischt sich laszives Lustgestöhne in die einlullenden indischen Klänge vom Band. Und zweitens passt das Herumsitzen nicht zum Springinkerl auf der Bühne. Das flüstert diesem zum Glück auch seine innere Stimme. Und so macht der Judenburger Kabarettist, der seinen Dialekt pflegt, um noch ein bisschen naiver zu wirken, doch wieder das, was er am besten kann: irrwitzig herumtoben.

Er rast mit herumrudernden Armen und umgeschnalltem Dildo von der Buschtrommel, einem Schlagzeug mit Bush-Porträt, das er gekonnt mit zwei Mixern bearbeitet, zum Werkzeugkoffer, dem er einen unlogisch langen Schamlippenstift entnimmt (mit ihm könnte man auch die Eierstöcke bemalen), und weiter zur großen Truhe, dessen Stofftieren er mit dem Staubsauger die schönsten Mega-Furzlaute entlockt. Und so weiter:

Eine halbe Stunde lang vermag Poier, der sein neues Programm Kill Eulenspiegel im Orpheum mit einem gewaltigen Hänger (er "scheiße" eben auf die Vorpremieren) präsentierte, in seinen Bann zu ziehen. Als Zugabe – das Weihnachtsgeschäft will schon einkalkuliert sein – eine bitterböse Stille Nacht-Variation.

Doch davor, bevor Poier auf einem Chopper zu Steppenwolfs Born to be wild ins Rampenlicht rollte? Das war mühsam. Sicher, der Auftakt gelang grandios: Ein Hitler imitierender Richter spricht den Clown Alf Poier schuldig, öffentlich die Wahrheit gesagt zu haben. Die Menge jubelt. Die verhängte Höchststrafe, Tod durch geistigen Selbstmord, überlebt Poier durch Ablegen der Narrenkappe. Und dann erzählt er über all das Medienklimbim, all die Bürgerproteste rund um seine Songcontest-Aktivitäten. Ja, nett. Das Intonieren von Good Old Europe Is Dying bedeutet einen harten Bruch: Ab nun wird recht frei assoziiert.

Glanzlichter vermag Poier zu setzen, wenn er über das Sterben philodilettiert. Nicht der Tod sei das Problem, sondern das Leben davor. Und es sei wie mit dem Wasser: Als Dampf entschwindet es in höhere Ebenen. Aber danach wird es immer tiefer: Poier, dessen hysterisch helle Stimme nerven kann, unterläuft mit vielen Witzen, die einem kaum ein müdes Lächeln entlocken, mit frauenfeindlichen Äußerungen und sexistischen Sprüchen jedes Bierzeltniveau. "Wenn schon Shoppen, dann Frühschoppen", so das Credo. Das Spektrum reicht von der "katholischen Stellung" (aufs Kreuz legen und von oben nageln) bis zur Erkenntnis, dass man "negativ" nicht mehr sagen dürfe, weil man ja nicht mehr "Neger" sagen darf. Peinlich.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2005)

Von
Thomas Trenkler
  • Artikelbild
    foto: hausler
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