Neue Studie: Klima erwärmt sich so schnell wie nie zuvor

9. November 2005, 13:26
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Feuchtere Winter und trockenere Sommer als Folge - Pröll will überarbeitete Klimastrategie

Hamburg/Wien - Das Weltklima erwärmt sich nach einer neuen Studie so schnell wie nie zuvor. Die globale Temperatur werde bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu vier Grad Celsius steigen, berechneten Wissenschafter des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie in einer Studie für den Klimarat der Vereinten Nationen (IPCC).

Der Meeresspiegel könne im Durchschnitt bis zu 30 Zentimeter steigen, in der Nordsee sogar etwas mehr. "Das ist der stärkste Klimawandel, der in den letzten Millionen Jahren auf der Erde im globalen Mittel aufgetreten ist", betonte Klimaforscher Prof. Hartmut Graßl am Donnerstag.

Auswirkungen

Die Sommer in Mitteleuropa werden den Berechnungen zufolge trockener und wärmer, die Winter ebenfalls wärmer, aber feuchter, sagte Projektleiter Erich Roeckner. Die Gefahr von starkem Regen und Überschwemmungen nimmt den Berechnungen zufolge deutlich zu. Heiße Trockenperioden sollen auch in Deutschland bald zum durchschnittlichen Sommer gehören. In den Wintern werden Kälte bringende Hochdrucklagen seltener, atlantische Westwindlagen sollen dominieren.

"Untermauert"

Der Geschäftsführende Institutsdirektor Prof. Jochem Marotzke betonte, die Berechnungen hätten keine grundlegend neuen Erkenntnisse gebracht, die bisherigen Annahmen aber untermauert. "Viele Ergebnisse sind deutlich stabiler." Das gelte zum Beispiel für das erwartete sommerliche Abschmelzen des Meereises in der Arktis. Damit sei aber kein Kollaps der so genannten thermohalinen Zirkulation verbunden, die den Golfstrom antreibt, sagte Marotzke. Allerdings verändern sich die Lebensbedingungen für Pflanzen und Tiere dramatisch, so etwa für Eisbären, die vom Eis aus auf die Jagd gehen.

Als großen Erfolg werteten die Forscher die genaue Abbildung des Klimas der vergangenen Jahrhunderte durch das Rechenmodell. "Auf diese Weise konnten die theoretischen Modelle der Wirklichkeit angepasst werden", sagte Marotzke.

Nach Roeckners Angaben wurden für die aktuellen Berechnungen 25 Mal mehr Daten verarbeitet als für den vorangegangenen IPCC-Bericht von 2001. "Die Modelle sind verbessert worden, die Maschenweite der Modelle verdichtet", sagte der Wissenschafter. Damit seien erstmals genaue Aussagen auf regionaler Ebene möglich. Nach Marotzkes Angaben waren 50 Mitarbeiter an den Berechnungen beteiligt. Ein Jahr lang war der Hamburger Klimarechner, einer der größten in Europa, zu einem Viertel nur damit beschäftigt, die Modelle zu berechnen. Die Kosten des Projekts betragen nach Institutsangaben für zwei Jahre etwa zehn Millionen Euro. Der IPCC-Bericht mit den neuen Hamburger Daten soll 2007 erscheinen. Er dient Politikern in aller Welt als Grundlage für klimapolitische Entscheidungen.

Angesichts der verheerenden Hurrikans in den USA vermutete Marotzke, dass es künftig zu einer Zunahme und Verstärkung der Wirbelstürme kommen könne. Denn die Wassertemperatur im Golf von Mexiko werde in den kommenden Jahrzehnten auf mehr als 30 Grad im Sommer steigen. Konkrete Aussagen seien aber nicht möglich, da Hurrikans nicht Bestandteil des Rechenmodells seien.

Dramatische Auswirkungen erwarten die Forscher für die Mittelmeerregion. Zum Beispiel müsse Spanien sich auf früher einsetzende und länger dauernde sommerliche Dürreperioden einstellen. Außerdem werden die winterlichen Niederschläge geringer, weil es zu weniger Stürmen über dem Mittelmeer kommen werde, sagte Roeckner. Für Südafrika und Australien prognostizieren die Rechenmodelle sogar eine Ausbreitung der Wüsten.

Hintergrund: IPCC

Der UN-Klimarat IPCC wurde angesichts der steigenden Erderwärmung gegründet. Er soll die wissenschaftlichen Daten zum Klimawandel sammeln, auswerten und verständlich darstellen. Die Weltmeteorologie-Organisation (WMO) und das UN-Umweltprogramm (UNEP) installierten ihn 1988. IPCC steht für Intergovernmental Panel on Climate Change - Zwischenstaatlicher Ausschuss zum Klimawandel.

Der Klimarat mit Sitz in Genf forscht nicht selbst, sondern fasst seriöse wissenschaftliche Studie zusammen. Er hat bisher drei Hauptreporte zum Klimawandel veröffentlicht (1990, 1995 und 2001). Der nächste soll 2007 erscheinen.

Österreichische Klimastrategie

Umweltminister Pröll plädierte unterdessen für eine Überarbeitung der österreichischen Klimastrategie. Trotz der Maßnahmen von Bund und Ländern ließe sich das Kyoto-Ziel von 13 Prozent CO2-Reduktion nicht erreichen, so der Minister am Donnerstag. Als "größtes Sorgenkind" sieht er den Straßenverkehr, dessen Emissionen seit 1990 um etwa 80 Prozent angestiegen seien.

Große Potenziale zur CO2-Einsparung liegen nach Ansicht Prölls zudem in der thermischen Gebäudesanierung und beim Heizen. Problematisch ist auch der stark steigende Stromverbrauch von durchschnittlich mehr als zwei Prozent pro Jahr. Dass die Emissionen im Verkehr konstant angestiegen ist, führt der Minister "zu einem erheblichen Teil" auf den preisbedingten Tanktourismus von den Nachbarländern nach Österreich zurück.

Auf der Habenseite sieht Pröll Erfolge bei Ökostrom und Fernwärme aus erneuerbaren Energieträgern, bei thermischen Sanierungen von Wohngebäuden oder energieeffizientem Bauen, die durch die Wohnbauförderung attraktiviert wird.

Ein wichtiger Schritt zur Reduktion der Treibhausgase sei zudem die Beimischung von biogenen Kraftstoffen zu Diesel und Benzin. Ab 1. Oktober soll diese im Ausmaß von vorerst 2,5 Prozent verpflichtend wird, so der Umweltminister. (APA/dpa)

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    Die Sommer in Mitteleuropa werden den Berechnungen zufolge trockener und wärmer.

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