Jenseits des Faschings

9. November 2005, 13:39
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Matthias Fontheim inszenierte Shakespeare zum Grazer Saisonauftakt schlecht getarnt als "junger Wilder", und Cornelia Crombholz realisierte "Dein Projekt liebt dich" von Johannes Schrettle

Graz - "Die wollen doch nur spielen" lautet der flapsige Slogan, den sich das Grazer Schauspielhaus für die letzte Saison von Direktor Matthias Fontheim als Motto ausgedacht hat. Auch wenn dieser Satz eher an das erinnert, was einem Hundebesitzer zurufen, wenn ihre wild gewordenen Haustiere auf einen zustürmen, das vergangene Eröffnungswochenende hat eines klar gemacht: Das Wollen und selbst das Können sind nicht immer genug, um gutes Theater zu machen. Schauspieler brauchen ein gutes Stück und einen Regisseur, der weiß, wo er damit hinwill.

Matthias Fontheim will ja bekanntlich nach Mainz, wo er designierter Intendant ist. Die Frage, ob er sich mit seiner Inszenierung von Shakespeares Was ihr wollt schon ein bisschen auf den dort gepflegten Fasching einstimmen wollte, stellt sich. Jedenfalls blieb von dem Treiben auf Illyrien, wo Menschen sich und andere durch Verstellungen, Lügen und Intrigen in arge Liebesnöte und das Publikum - im Idealfall - zum Lachen und zum Nachdenken bringen, nicht viel übrig.

"Lachen bis es weht tut" war hier eher die Losung, allerdings mit zwischen Shakespeares Zeilen gekritzelten Witzchen, die noch am nächsten Tag auf ihre Pointen warten ließen. Im schalen Licht der Bühne (von Susanne Maier-Staufen) behaupten wackelige Pappkonstruktionen: "Wir haben zwar eine High-tech-Drehbühne, machen aber lieber Lowbudget-Trash." Tapfer weiterflackernde Lichter in diesem instabilen Regiekonzept sind ein grandioser Malvolio von Thomas Kornak, ein aus der Off-Szene geliehener Narr namens Rudi Widerhofer oder die überzeugend das zerrissene Zwillingspaar spielenden Oliver Rosskopf und Julia Kreusch.

Weltveränderer

Nicht auf Illyrien, sondern auf einer anderen kleinen Insel wollen der 24-jährige Holger, seine um 20 Jahre ältere Freundin Erika und Holgers Bruder Milo die Welt verändern. Böses Geld - aus Heroinschmuggeleien - wird für den guten Zweck, die Flüchtlingsströme der Welt aufzunehmen, beschafft. Nein, Holger und Erika gehören keiner Partei an, wollen keine längerfristige Verantwortung übernehmen oder eine Revolution lostreten, sie haben "ein Projekt". Wenn das erst einmal rennt, sind sie längst aus dem Staub. So der Plan. Doch es rennt nie.

Das Stück des 25-jährigen Johannes Schrettle, der neben Studium und einer steil beginnenden Karriere als Dramatiker seit Jahren für einen Grazer Flüchtlingsverein arbeitet, ist eine geistvolle, erbarmungslose und witzige Abrechnung mit einer Generation von Ohnmächtigen, die für Leben und Liebe Konzepte und Projekte entwickeln, die allesamt scheitern müssen.

Crombholz' Inszenierung, die auch Nebenräume der Probebühne im Schauspielhaus mit Videoübertragung bespielt, hält mit dem rasanten Text Schritt. Als Erika spielt eine umwerfende Frederike von Stechow alle an die Wand. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 9. 2005)

  • Nach einem gescheiterten Liebesakt: Martin Bretschneider als Holger und Andrea Wenzl als Laila in "Dein Projekt liebt dich" von Johannes Schrettle auf der Probebühne.
    foto: peter manninger

    Nach einem gescheiterten Liebesakt: Martin Bretschneider als Holger und Andrea Wenzl als Laila in "Dein Projekt liebt dich" von Johannes Schrettle auf der Probebühne.

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