Psoriasis erscheint in neuem Licht

23. September 2005, 16:34
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Wiener Forscher nach Mausversuchen: Schuppenflechte Hauterkrankung mit Auswirkungen auf das Immunsystem, keine Autoimmunerkrankung

Wien/London - Möglicher Durchbruch in der Dermatologie- und Genforschung: Einer Arbeitsgruppe um den Mausgenetiker Univ.-Prof. Dr. Erwin Wagner vom Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien ist es gemeinsam mit Fachleuten von der Universitäts-Hautklinik am Wiener AKH gelungen, an den Ursprung der Psoriasis ("Schuppenflechte") heranzukommen. Sie schufen mit der Ausschaltung zweier Gene bei Mäusen ein offenbar ziemlich perfektes Tiermodell für das Leiden. Es handelt sich offenbar um eine Hauterkrankung mit Auswirkungen auf das Immunsystem der Patienten, nicht umgekehrt - wie bisher oft angenommen.

Neue Sichtweise

Die Psoriasis ist eine häufige chronische und entzündliche Erkrankung der Haut und (bei 20 Prozent der Betroffenen) auch der Gelenke. IMP-Wissenschafter Rainer Zenz: "Die Krankheit galt oft als Autoimmunkrankheit." - Also zunächst als ein Defekt des Immunsystems, der sich an Haut und eventuell den Gelenken äußert.

Erstautor Zenz und die übrigen beteiligten Wissenschafter - unter ihnen der Immundermatologe Univ.-Prof. Dr. Erwin Tschachler von der Wiener Universitäts-Hautklinik - veröffentlichen ihre Erkenntnisse in der neuesten Ausgabe der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" (15. September). Das renommierte Journal machte daraus die Titelgeschichte.

JunB

"Bei der Arbeit geht es um das JunB-Gen. Das kennt man aus der Krebsforschung. Ich habe bei der Haut angefangen. Hier gibt es eine Kooperation mit dem Wiener AKH. In Hautarealen, die von Psoriasis betroffen sind, sind die JunB-Proteine herunter reguliert (kaum vorhanden, Anm.). In anderen Hautarealen nicht", sagte Zenz.

Das JunB-Gen befindet sich beim Menschen - wie sich heraus stellte - in jener Gen-Region, in der man schon seit längerer Zeit die "Veranlagung" für die Psoriasis vermutete (PSORS6). Dies gilt auch für die an der Schuppenflechte beteiligten Hautzellen, die Keratinozyten. Das Problem beim Studium dieser Vorgänge an Mäusen: Schaltet man bei den Säugern JunB aus, kommen die Jungen bereits tot zur Welt.

Versuch und Ergebnisse

Doch die Mausgenetiker am Wiener IMP griffen zu einem Trick: Sie wendeten eine Methode an, mit der sie ganz gezielt die Gene JunB und c-Jun erst im Alter von acht Wochen ausschalten können. Dadurch treten die sonst fatalen Schäden in der Embryonalentwicklung nicht auf.

Zenz: "Tut man das, treten bei den Tieren binnen zwei Wochen Hautveränderungen auf, welche histologisch (Gewebeproben, Anm.) und molekular an die Psoriasis des Menschen erinnern. Das gilt auch für die bei 20 Prozent der Patienten auftretenden Psoriasis-Arthritis-Fälle (chronische Gelenksentzündungen ähnlicher der chronischen Polyarthritis, Anm.)." Der Vorteil liegt in dem jederzeit aktivierbaren Gen-Knock-out bei den Mäusen.

Neues Verständnis und ...

Der Wiener Wissenschafter: "Wir sind sicher, dass wir mit unserem Modell ein ausgezeichnetes Werkzeug für die präklinische Forschung geschaffen haben. Es wird sich außerordentlich nützlich für zukünftige Studien erweisen, die dem Verständnis und der Heilung dieser verbreiteten Krankheit dienen."

Während bei den Mäusen JunB und c-Jun an "ihrer" Psoriasis beteiligt sind, ist beim Menschen offenbar JunB der wichtige Faktor. Die Wiener Wissenschafter dürften mit ihrer Arbeit aber auch die Lehrbuchmeinung widerlegt haben, wonach die Psoriasis in erster Linie eine Autoimmunerkrankung ist, die auf eine Deregulation von T- und B-Zellen beruht. Zenz: "Schalten wir JunB und c-Jun bei Mäusen aus, die keine B- und keine T-Zellen haben, bekommen sie trotzdem partiell die Psoriasis."

... dadurch vielleicht effektivere Behandlung

Das könnte Auswirkungen auf die Entwicklung zukünftiger Therapien gegen die Schuppenflechte haben. Bisher wurde sie in schweren Fällen oft mit dem breit immunsupprimierenden Cortison, Zytostatika wie Methotrexat, Cyclosporin oder - neuerdings und in schweren Fällen - mit Biotech-Medikamenten behandelt, die vor allem immunsupprimierend wirken. Über die neuen Erkenntnisse könnte man vielleicht näher an die eigentliche Ursache in den Hautzellen gelangen.

Hier gibt es erste Ansätze: Mit den Proteinen S100A8 und S100A9, die in Hautzellen noch vor dem Auftreten der Erkrankung vermehrt gebildet werden und die Entzündungs-fördernde Immunzellen anlocken, könnten laut Zenz solche Ansatzpunkte gefunden worden sein. (APA)

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