Kopf des Tages: Ursula Stenzel

4. Oktober 2005, 17:20
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Die dritte Karriere im Visier

Die Erfahrung, dass Glückwünsche auch mit Dornen versehen sein können, macht derzeit Ursula Stenzel. Denn bei den Glückwünschen der ÖVP-Kollegen aus dem EU- Parlament für ihren Wahlkampf in Wien schwingt unüberhörbar der Wunsch mit, es möge doch mit dem Wechsel nach Österreich funktionieren. Denn in der aus sechs Mitgliedern bestehenden ÖVP-Delegation, die Stenzel leitet, gibt es Spannungen, speziell mit dem Abgeordneten Othmar Karas. Auch Mitarbeiter klagen häufig über die Zusammenarbeit mit der als schusselig geltenden Stenzel.

Dabei war die frühere ORF- Moderatorin einst das Aushängeschild der ÖVP bei den Wahlen zum Europaparlament. Mit ihr als Spitzenkandidatin schaffte es die ÖVP 1996 erstmals seit dreißig Jahren, wieder auf den ersten Platz zu kommen. Sie erhielt bei ihrem ersten Antreten mehr Vorzugsstimmen als die anderen Spitzenkandidaten zusammen. Der Vorsprung schmolz bereits 1999, und 2004 erhielt der Grüne Johannes Voggenhuber mehr Vorzugsstimmen als Stenzel.

Aber nun, kurz vor ihrem 60. Geburtstag am 22. September, startet Stenzel zum dritten Mal durch. Die Außenpolitik-Spezialistin will zeigen, dass sie auch auf dem Wiener Parkett bestehen kann. Allerdings hält sie sich ein Hintertürchen offen: Nur wenn sie Bezirksvorsteherin im ersten Wiener Bezirk wird, will Stenzel ihr EU-Mandat aufgeben. Ein einfaches Mandat in der Bezirksversammlung will sie nicht annehmen.

Stenzel will sich die Option im EU-Parlament möglichst bis zur Konstituierung der Bezirksversammlung im Dezember offen lassen. Ihre ÖVP- Kollegen im Parlament drängen auf eine Entscheidung unmittelbar nach der Wahl in Wien am 23. Oktober.

Finanziell wäre der Wechsel zurück nach Wien für die EU-Abgeordnete ein Abstieg. Zwar verdient ein österreichischer EU-Abgeordneter mit 9000 Euro brutto etwa gleich viel wie ein Wiener Bezirksvorsteher mit rund 9040 Euro brutto. Wegfallen würden aber Spesen sowie das Taggeld für Sitzungen von 260 Euro.

Stenzel reizt nach eigenem Bekunden jedoch die Aussicht, eine neue Aufgabe zu übernehmen. Sie ist auch eine der wenigen Quereinsteiger in die österreichische Politik, die sich gehalten haben. Der erste Bezirk ist ihr nicht fremd, sie wohnt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Heinrich Schweiger, in der Innenstadt in der Nähe der Albertina.

Wird Stenzel Bezirksvorsteherin, könnte sie zu Fuß zu ihrem neuen Arbeitsplatz gehen. Vor Kurzem erregte Stenzel auch in ihrer Partei Missfallen mit ihrer Interview- Aussage, dass sie immer Business-Class fliege – auf Kosten des Steuerzahlers. Ihre Begründung: Europaparlamentarier seien "mit Managern zu vergleichen", die ebenfalls Business-Class flögen. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2005)

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    foto: cremer
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