Die Ausfahrt zum rauschenden Bach

13. September 2007, 16:32
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Die Wengermühle in Schörfling am Attersee wurde von einem alten Bekannten übernommen. Ob man da gut isst, kommt freilich ganz auf die Stimmung an

Wen auf der Autobahn der Hunger packt, hat drei Möglichkeiten: Ab an die Tankstelle, wo das Knurren im Magen dank einer Junk-Infusion aus Erdnuss-Flips, Kinderschokolade und Energy-Drink binnen kürzester Zeit in seekrankes Aufstoßen verwandelt wird. Damit ist der Hunger erledigt, und man kann weiterfahren.

Option zwei ist das Rasthaus, wo man zuerst vom Drehkreuz faschiert, von einer Busladung verschlungen und an der Speisenausgabe wieder ausgespien wird. Mit dem Schnitzel auf dem Tablett reiht man sich in die Kassenschlange ein: Kaum ist das Essen kalt, darf man eh schon zahlen.

Der dritte Weg heißt Ausfahrt, den aber sollte man genau kennen. Im Gegensatz zu Italien, wo es in der Regel reicht, einfach abzufahren und stupide dem ersten gelben Wegweiser mit gekreuztem Besteck zu folgen, um kurz darauf ordentlich bis denkwürdig zu speisen, muss man bei uns schon wissen, wo die Reise hingehen soll.

Lange Jahre war zwischen Wien und Salzburg der Schafelner in Stadt Haag ein ideal positionierter Gasthof, um sich zwischendurch etwas Gutes zu tun. Dann zog es Franz Schafelner Richtung Salzburg, als Schlosswirt nach Anif, jetzt aber ist er, quasi nebenbei, wieder da. In Schörfling am Attersee, für westwärts Ziehende keine 800 Meter von der A1-Abfahrt entfernt, hat er mit seinem Partner Günther Telser die Wengermühle übernommen. Das seit Jahren mit wechselndem Erfolg als Gasthof geführte Gebäude steht zwar keineswegs in Seenähe, sondern hart an einer Straße. Garten und Restaurant gehen aber nach hinten raus, wo die Ager rauscht, das Mühlrad klappert und kapitale Forellen auf der Lauer liegen.

Ein hübsches Plätzchen für selbstvergessenes Seelenbaumeln...

... noch dazu, wo die Abendsonne noch unternehmungslustig durch die Baumkronen blinzelt. Sollte man meinen. Wenn dem gesäßsteifen Autofahrer dann aber das Speisen im Idyll verboten wird, angeblich weil es gleich so was von kalt würde, und überhaupt, der Zug durch die offene Tür die Stubenhocker im Gastraum enervieren könnte, dann kann es mit der entspannten Vorfreude ganz schnell vorbei sein. Man kennt das ja.

Da sieht die modernistische Innenarchitektur ganz plötzlich doch eher provinziell und gewollt aus, von den seltsamen "Designer"-Tischen auf der Terrasse gar nicht zu reden. Die vorab gereichte "handgesalzene" Butter schmeckt, wie auch der Schaffrischkäse, intensiv nach Kühlschrank, das aufgebackene Baguette kommt aus der bösen Brotfabrik, und dabei sitzt man doch in einer Mühle.

Gebackener Kalbskopf und Bries auf kräuterfeinem Salat geraten dann aber derart gut, dass die stinkige Stimmung (wie durch einen kräftigen Durchzug?) flugs verblasen wird. Auch die Zandertarte mit Ofentomaten, eine Art dekonstruierter Zwiebelkuchen mit köstlichem, ziemlich dominantem Zwiebelconfit, separat gebackenem Tortenboden und gebeiztem Zander mit knackigem Biss, ist alles andere als ärgerlich.

Zur Hauptspeise aber gibt es dann keinen See-Saibling...

... mehr (knurr!), und ein anderer Fisch steht gar nicht erst auf der Karte. Da sitzt man am Mühlbach, in Schörfling am Attersee, und folgt misstrauisch der außertourlichen Empfehlung. Wildlachs also, der dann prompt alle Vorurteile gegen das grell-rosa Fettfleisch bestätigen darf: fad und ausdruckslos und eh ganz brav, alles andere als ein Attersee-Saibling halt. Das Kalbsfilet mit Waldpilzen ist, wie meistens, allzu sanft gebraten, sodass man sich die entscheidenden Röstaromen schenken kann. Dafür schmecken die Steinpilze und Eierschwammerln richtig gut, wie ein dampfender Sommerwald nach dem Regen.

Der Koch, Markus Moser, kommt aus der sympathischen Crew der Salzburger Mönchsberg-Höhle Magazin und hat ganz offensichtlich einiges drauf. Im Service wäre etwas Mitgefühl für armselige Autobahnler, die auch bei 18 Grad noch unbedingt am Bächlein plauschen wollen, durchaus animierend fürs Geschäft. Es sei denn, man findet mit den (tatsächlich sehr zahlreichen) Zweitwohnsitzlern und der örtlichen Bourgeoisie ohnehin gemütlich das Auslangen.
(Severin Corti/Der Standard/rondo/09/09/2005)
Fotos
Gerhard Wasserbauer

Wengermühle
Oberachmannerstr. 2
4861 Schörfling am Attersee
Tel: 07662/4223
Di-So 12-14 und 18-22 Uhr
VS € 8-12
HS € 11-23
  • Ein altes Haus an einem Bach, ein nettes Gärtlein - sitzen aber muss man drinnen, wo's "modern" ist.
    foto: gerhard wasserbauer

    Ein altes Haus an einem Bach, ein nettes Gärtlein - sitzen aber muss man drinnen, wo's "modern" ist.

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