Im Kanu von Österreich nach Tschechien

31. Juli 2006, 09:39
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Abkommen soll grenzüberschreitende Reise über Thaya ermöglichen.

Einen Weg, der bisher kaum jemand offen stand, der in Zukunft aber zahlreichen Menschen zugänglich sein soll, haben der Leiter der Ständigen Vertretung der EU-Kommission in Österreich, Karl Georg Doutlik, und der tschechische Botschafter in Wien, Rudolf Jindrak, am Dienstag auf der Thaya in Niederösterreich zurückgelegt. Im Kanu überquerten sie von Unterthürnau (Waldviertel) aus mit Sondergenehmigung die österreichisch-tschechische Grenze. Damit nahmen sie eine Möglichkeit vorweg, die erst durch ein Abkommen zwischen Wien und Prag geschaffen werden soll.

Wenn es nach Doutlik und Jindrak geht, sollen in Zukunft nicht nur Kanuten und Bootsfahrern zu Wasser, sondern auch Spaziergängern, Radfahrern, Reitern, Mopedfahrern kleine Grenzübergänge zwischen dem Böhmerwald und Hohenau an der March kleine Grenzübergänge zur Verfügung stehen. Die Grundlage dafür, den bilateralen Vertrag, wollen Innenministerin Liese Prokop und ihr tschechischer Amtskollege Frantisek Bublan am 17. September unterzeichnen. Rund 28 derartige Grenzübergänge wurden dafür vorgeschlagen.

Von zwei, vom Innenministerium abgestellten österreichischen Grenzpolizisten verabschiedet, traten Doutlik und Jindrak am Dienstag die - noch - außergewöhnliche Reise auf der Thaya (tschechisch: Dyje) an. An der Staatsgrenze erwarteten sie dann zwei Grenzbeamte aus Tschechien. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs hätten die beiden Kanuten zumindest wohl Warnschüsse befürchten müssen. Doch natürlich sind auch die tschechischen Kollegen über die Aktion instruiert, grüßen, lächeln nur und machen sogar Fotos.

An dieser Stelle nahe dem Ort Stalky könnte am Ufer bald ein Schild und ein Unterstand einen der geplanten, kleinen Grenzübergänge anzeigen. Sie sollen abhängig von der Saison zu unterschiedlichen, fixen Tageszeiten geöffnet werden. Durchgehende Kontrollen sind dabei nicht geplant, lediglich stichprobenartige Checks im Landesinneren. Deshalb wird es auch nach der Unterzeichnung des Abkommens und der offiziellen Einrichtung der "kleinen Grenzen" notwendig sein, den Reisepass bei sich zu tragen. Passieren dürfen aber nur Personen, für die sowohl gegenüber Tschechien als auch Österreich keine Visumpflicht besteht.

Doutlik, der in der Region aufgewachsen ist, will die Grenze "im Sinne des europäischen Gedankens so durchlässig wie möglich" sehen. Vor der Kanufahrt im grenznahen Drosendorf forderte er vor Journalisten "Offenheit". Die Bevölkerung habe 1989 "große Erwartungen in den Fall des Eisernen Vorhangs gesetzt", diese seien selbst nach dem EU-Beitritt Tschechiens nur teilweise erfüllt worden. Er erwartet sich vor allem "eine Belebung der Wirtschaft über den Tourismus".

Auch Jindrak betrachtet den Grenzvertrag als "Vervollständigung der Mitgliedschaft in der Europäischen Union". Er bemängelte, dass es mit dem Vertrag so lange gedauert hat. Im Gegensatz zu Österreich "hat es mit Deutschland schon Anfang der 90er Jahre eine Einigung über den kleinen Grenzverkehr gegeben, der in der Praxis sehr gut funktioniert". Daran würden sich Prag und Wien bei ihren Verhandlungen nun orientieren.

Laut ÖAMTC gibt es derzeit vier Grenzstellen zwischen den Nachbarn nur für Fußgänger und Radfahrer (Reintal/Postorna, Schrattenberg/Valtice, Mitterretzbach/Hnanice und Hardegg/Cicov). Diese bestehen Jindrak zufolge auf einer "Vereinbarung" der Innenministerien beider Länder und sollen durch das geplante Abkommen gleichzeitig mit der Einrichtung der neuen Übergänge quasi offizialisiert werden.

Die Hürden von behördlicher Seite für die grenzüberschreitende Fahrt auf der Thaya dürften also bald beseitigt werden. Ganz ohne Hindernis wird die kleine Reise aber auch dann nicht sein, wie Doutlik und Jindrak bei ihrer Kanu-Tour auf Grund von zahlreichen Gewässeruntiefen und einem quer über den Fluss gewachsenen Baum am eigenen Leib erfahren mussten. (apa)
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