Was sollen sich die Jungen dabei denken?

21. Dezember 2005, 15:05
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Die ungleiche Behandlung von Lehrlingen am Beispiel der großen Lehrwerkstätten - Gastkommentar von Caspar Einem

Etwa seit 1997 sinkt die Zahl der angebotenen Lehrstellen und ist seither jedes Jahr geringer, als die Zahl der Lehrstellensuchenden. Das hat schon früh dazu geführt, dass so genannte "Übergangslösungen" gesucht und eingerichtet und dass recht großzügige Förderungen für Betriebe geschaffen wurden, die bereit wären Lehrlinge aufzunehmen – in der Hoffnung, der Lehrstellenmangel wäre bloß vorübergehend. Nun ist klar: er ist nicht bloß vorübergehend. Wie sieht nun die Realität für die Jugendlichen aus, die einen praktischen Beruf erlernen wollen?

Die Mehrzahl der Jugendlichen findet heute noch eine Lehrstelle. Die steigende Zahl von Jugendlichen, die keine Lehrstelle findet, hat zweierlei Chancen, doch noch einen Beruf zu erlernen: Aufnahme in eine Lehrlings-Stiftung oder das AMS vermittelt sie in einen Lehrgang – für jeweils 10 Monate ohne Gewissheit, dass es dann weiter geht. Diese Jugendlichen und ihre Eltern müssen jedes Jahr wieder zittern, ob sie wieder dran kommen und weiter lernen können. Und sie bekommen bloß 150 Euro Taschengeld. Die, die es in eine Stiftung schaffen – das sind wenige – haben es etwas besser: sie haben eine echte Lehrlingsausbildung und bekommen eine Entschädigung von bisher 225 Euro. Und die Lehrlinge – das sind die, die das ausbildende Unternehmen später selbst braucht - bekommen eine Lehrlingsentschädigung – im konkreten Fall der ÖBB – von z.B. 360 Euro. Und alle drei Gruppen stehen in denselben Lehrwerkstätten, bekommen dieselbe Ausbildung und reden miteinander und fragen sich natürlich, warum das so ist.

Die Antwort, die sie bekommen, ist, dass der Wirtschafts- und Arbeitsminister mit dem Geld, das er für das AMS vorsieht, den maximalen Nutzen stiften will. Und wenn man bloß 150 Euro pro Lehrgangsteilnehmer zahlt, dann kann man mehr Teilnehmer finanzieren, als bei 225 oder 360 Euro. Und die Lehrgangsteilnehmer könnten zufrieden sein, dass sie wenigstens das hätten, sonst hätten sie gar nichts.

Und warum ist dem Staat, dem Wirtschafts- und Arbeitsminister die Ausbildung eines Teils der Jugendlichen nicht mehr wert? Angeblich ist es doch so wichtig, dass Österreichs Wirtschaft genug gut ausgebildete FacharbeiterInnen hat. Und wenn sich herumspricht, dass man Lehrlinge auch billiger ausbilden kann? Wem nützt das dann?

Es kommt aber noch eines hinzu: Die Jugendlichen, die eine Lehrausbildung machen wollen, kommen in aller Regel nicht aus besonders wohlhabenden Familien. Und gerade bei ihnen, einem Teil von ihnen, wird nun gespart?

Was sollen sich die Jugendlichen dabei denken?

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