Verspielte Strenge

14. Oktober 2005, 14:37
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Leuchten, die sich per Handyklingeln ein­schalten, sich windende Sitzflächen - Neue Möglichkeiten in den Weiten des Designs

"Damals habe ich darüber nachgedacht, warum das, was ich da baue, so und nicht anders aussieht", sagt Kai Richter. In seinem ersten Beruf arbeitete er als Industriemechaniker bei einer Firma, die Pressen für Autotüren herstellt. Richters Ideen und Verbesserungsvorschläge waren dem Arbeitgeber gleichgültig. "Die haben nur technisch gedacht. Da herrschte Stechkarten-Mentalität. Das war die Hölle."

Richter, Jahrgang 1971, begann sich intensiver für Design zu interessieren, zugleich wollte er seine handwerklichen Fähigkeiten ausbauen. Ein Studium schwebte ihm vor, so weit wie möglich entfernt von seinem Heimatort, dem badischen Bretten - am besten in Berlin. Doch gerade erst war im nahen Karlsruhe das Zentrum für Kunst und Medientechnologie eröffnet worden. Angegliedert entstand eine neuartige Hochschule für Gestaltung. Gründer Heinrich Klotz setzte durch, dass hier Professoren nicht auf Lebenszeit, sondern nur für bis zu sechs Jahre berufen werden. Zudem bemühte sich die Hochschule um frische Impulse, holte Designer wie Hartmut Esslinger, Volker Albus, Gunter Rambow, Kurt Weidemann und Werner Aisslinger, die für Praxisbezug und Aktualität der Ausbildung garantierten.

Frogdesign-Chef Esslinger machte sich zwar rar, sonst ging das Konzept allerdings auf. Bei einen derart spannenden Angebot direkt um die Ecke verzichtet Richter zunächst auf Wanderjahre und bleibt der Heimat treu. Im Grundlagenunterricht zeigte sich rasch, dass er bereits gut informiert ist über die Möglichkeiten der gut ausgestatteten Werkstätten und sich auch bestens mit Produktionstechnologien auskennt. So erhält Richter noch während des Studiums eine Assistentenstelle bei Volker Albus. Ausstellungsdesign wird eines von Richters Arbeitsfeldern. Er entwirft das Ausstellungssystem für die von Albus konzipierte Wanderausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen "bewusst, einfach - das Entstehen einer alternativen Produktkultur", die sechsmal im Jahr den Ort wechselt. Ob Thailand oder Aserbaidschan: Richter ist immer dabei, wenn es um die Einrichtung der Ausstellung vor Ort geht. Und kommt also doch herum und beobachtet.

Er sieht Menschen zu, wie sie Dinge gebrauchen und auch wie sie sie anders als vom Entwerfer intendiert nutzen und verändern. Kai Richter versucht die unerwartete Nutzung in seine Entwürfe einzuarbeiten. Etwa in die Wartebank "New Wave", die 2001 entsteht. Richter verdreht dabei einen Teil der Sitzfläche, da er festgestellt hat, dass sich ein Teil der Wartenden lieber anlehnt als hinsetzt. Funktion und Form korrespondieren miteinander.

Das Warten spielt bei vielen von Richters Entwürfen eine große Rolle

Design im Transit, im Übergang. Mit seinen Kommilitonen Michaela Bisjak und Markus Graf entwickelt er 1998 eine hölzerne Sitzbank. Auf das Grundelement mit Beinen können verschiedene Sitze, mit und ohne Rückenlehne längs und quer zum Grundelement aufgeschoben werden. Nils Holger Moormann bringt den Entwurf auf den Markt. Der Name des Objekts: "Die Deutsche Bank".

Wer meint, Kai Richter sei ein Möbeldesigner, liegt nicht ganz richtig. Zwar hat er in diesem Feld die meisten seiner Designauszeichnungen gewonnen, von denen die Zeitschrift Wallpaper behauptet, die Liste seiner Designpreise sei "länger als der Bookworm von Ron Arad". Es gebe keine Begrenzung, sagt Richter. Viel liegt ihm daran, zukunftsweisende Dinge zu entwickeln, bei denen Technologie und Design zu neuen Nutzungsmöglichkeiten führen. Etwa bei der Leuchte "0176 . . .", die er gemeinsam mit seiner Freundin entwickelte, der Ingenieurin Martina Haitz, die als Artist in Residence am ZKM tätig ist. Die Leuchte wird per Handyanruf ein-und ausgeschaltet. Wobei der Anruf kostenlos ist, da niemand abhebt.

Eine spezifische Mischung aus Verspieltheit und Strenge ist es, die Kai Richters Arbeiten kennzeichnet. Heute ist es anscheinend schwierig, für diese moderne Interpretation deutschen Designs einen Hersteller zu finden. Daher ist Richter dazu übergegangen, einen Teil seiner Entwürfe selbst zu vermarkten - wie einst die Designer der 80er-Jahre. Et- wa die "Stock"-Leuchte, deren Lampenschirm auf verschiedene Weise gedreht, direktes oder indirektes Licht spendet und einmal als Steh- oder Hängeleuchte aufgebaut werden kann. Noch drei Jahre läuft Richters Vertrag an der HfG Karlsruhe. Wenn sich bis dahin an der Mentalität seiner badischen Landsleute nicht viel ändert, die trotz der meisten Sonnenstunden im Land einen irgendwie verkniffenen Eindruck auf den Erfinder Richter machen, dann ist er vielleicht doch bald weit weg. Irgendwo anders, wo man seine innovativen Ideen umsetzt, statt sie zu blockieren.


Infos: kairichter.com
( Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/19/08/2005)

  • "Die Deutsche Bank"
    foto: richter

    "Die Deutsche Bank"

  • Die per Handy bedienbare Leuchte "0176"
    foto: richter

    Die per Handy bedienbare Leuchte "0176"

  • Der Designer Kai Richter
    foto: richter

    Der Designer Kai Richter

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