Sturm im Herbst

19. August 2005, 11:27
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Leonardo Padura verabschiedet sich von revolutionären Illusionen

Mit dem vierten und letzten Band des "Havanna-Quartetts" ist der kubanische Autor Leonardo Padura im "Herbst" angekommen. Der Teniente Mario Conde, bislang ein untadeliger Ermittler, schmeißt mit 36 den Polizistenjob hin. Man hat seinen verehrten Vorgesetzten aus fadenscheinigen Gründen in Pension geschickt, Zeit für eine Veränderung findet Conde, der sich noch ein allerletztes Mal breitschlagen lässt, einen Fall zu bearbeiten.

Wie immer siedelt Padura das Verbrechen in höheren Kreisen der Politprominenz an. Diesmal ist es ein Exil-Kubaner auf einem kurzen Heimattrip, der erschlagen und mit abgeschnittenen Geschlechtsteilen im Meer treibt. Dass der Tote nicht nur Freunde hatte, ergibt sich aus seiner früheren Profession: Er war in den Sechzigerjahren für die Enteignungen in der Provinz Havanna zuständig gewesen, bevor er sich auf einer Dienstreise absetzte. Der Kriminalfall selbst ist nur ein Transportvehikel für die Schilderung der inneren Befindlichkeit Condes, welche wiederum eine Spiegelung der allgemeinen Stimmung ist. Flucht ist angesagt. Conde erinnert sich mit nostalgischen Gefühlen an seine Schulzeit, als er und seine Freunde an die Versprechungen glaubten, die Welt, die vor ihnen lag, würde eine bessere werden. Nun flieht einer seiner Freunde in die religiöse Umarmung der Adventisten, ein anderer gibt der betroffenen Runde bekannt, dass er um die Erlaubnis zur Auswanderung angesucht hat. Conde denkt eher an innere Emigration. Sein geheimer Traum ist, Schriftsteller zu werden.

Er beginnt, weil er sich noch nicht an seine eigene Rückschau wagt, auf seiner alten Underwood die tragische Geschichte über das ungerechte Schicksal seines Freundes Carlos aufzuschreiben: mit 22 im Angola-Krieg verheizt, querschnittgelähmt, und einer ungewissen Zukunft im Rollstuhl ausgeliefert. Die Illusionen sind wahrlich dahin. Der Hurrikan Felix, der sich auf Havanna zubewegt, wird von Conde leidenschaftlich herbeigesehnt. Tabula rasa möchte er haben, einen Jahrhundert-Wirbelsturm, der alles hinwegfegt - und rettet doch einen verlausten Straßenköter vor dem Hurrikan.

Eine Chronik der vergangenen vierzig Jahre in Kuba wollte er schreiben, sagt Padura. Herausgekommen ist, - leider mit etwas vehementem Zungenschlag des bundesdeutschen Übersetzers - eine Mischung aus vitaler Melancholie, Abgeklärtheit und einem Humanismus, der trotz allem an Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit festhält. Unter der Maske eines "Krimis" lässt sich vieles transportieren (Die vorangegangenen Bände: Ein perfektes Leben, "Winter"; Handel der Gefühle, "Frühling"; Labyrinth der Masken, "Sommer"; alle Unionsverlag). (DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14./15.8.2005)

Von Ingeborg Sperl
  • Leonardo Padura Das Meer der IllusionenDeutsch Hans-Joachim Hartstein. € 20,50/285 Seiten. Unionsverlag, Zürich 2005.
    foto: buchcover

    Leonardo Padura
    Das Meer der Illusionen
    Deutsch Hans-Joachim Hartstein.
    € 20,50/285 Seiten.
    Unionsverlag, Zürich 2005.

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