Nimm 2, zahl 1 – die Praktiken der Pharmaindustrie

4. August 2005, 13:14
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Pharmafirmen verschenken enorme Mengen von Medikamenten, die den Kassen verrechnet werden. Darf das sein? Ein Kommentar der anderen

Vor 25 Jahren habe ich aus journalistischen Gründen ein Jahr lang als Pharmavertreter bei den Konzernen Bayer und Sandoz gearbeitet. Die daraus entstandene Buchveröffentlichung über die Praktiken der Pharmaindustrie – es ging um Geschenke an Ärzte in jeder nur denkbaren Form – sorgte bei Patienten für Empörung und bei den Angeprangerten für reumütige Bekenntnisse zur Besserung.

Wie sich nun zeigt, ist alles beim Alten geblieben. Für die jetzt erschienene Neuausgabe des Buches „Bittere Pillen“ – dabei geht es um Nutzen und Risiken aller wichtigen auf dem Markt befindlichen Arzneimittel – habe ich versucht, Näheres über die Preispolitik der Pharmakonzerne herausfinden und bin dabei auf ein gut eingespieltes System der Korruption zu Schaden der Patienten gestoßen.

Permanenter Schlussverkauf

Die Sache funktioniert folgendermaßen: Ein großer Teil der Medikamente wird aus Marketinggründen an Apotheker bzw. hausapothekenführende Ärzte verschenkt, nach dem Motto: Nimm 2, zahl 1. Während diese Art von Schlussverkäufen in der Textilindustrie nur zu bestimmten Zeiten stattfindet, herrscht im Pharmabereich ein immer währender Sommerschlussverkauf. Aber wie, so habe ich mich gefragt, ist es möglich, dass die Hersteller laut den mir vorliegenden vertraulichen Firmenunterlagen 30, 40 oder gar 50 Prozent ihrer Medikamente verschenken und trotzdem Milliardengewinne machen? Der Pharmakonzern Novartis beispielsweise, viert- oder fünftgrößter der Branche, weist in seiner weltweiten Bilanz rund vier Milliarden Euro weltweit aus! Das sind 20 bis 25 Prozent des Umsatzes. Davon können andere Industriebranchen nur träumen.

Das Geheimnis dieses sagenhaften Erfolgs liegt in der Preispolitik. Die Firmen verlangen für ihre Medikamente offiziell Fantasiepreise – und bekommen sie auch. Weil Unterlagen zur Preiskalkulation zu den bestgehüteten Geheimnissen der Pharmaindustrie gehören, bedarf es besonderer Recherchemethoden, um Näheres herauszufinden. Zu meinem Glück waren mehrere Firmeninsider bereit, auszupacken und Kopien vertraulicher Dokumente zur Verfügung zu stellen.

Weil mir bei manchen Fragen auch Insider nicht weiterhelfen konnten oder wollten, habe ich mich im Internet als Export/Importhändler ausgegeben und von internationalen Herstellern von Pharma- Wirkstoffen Preisangebote für Medikamente eingeholt. Ergebnis: Medikamente kosten in der Herstellung fast nichts.

Eingespieltes System

Konkretes Beispiel: Für eine Pille des bekannten Erektionsmittels Viagra bezahlt man in der Apotheke rund zehn Euro. Der Kostenanteil des darin enthaltenen Wirkstoffs beträgt jedoch nur zwei Cent. Ich habe mich nicht verschrieben: zwei Cent. Auch bei vielen anderen Arzneimitteln, für die ich das recherchiert habe, gibt es eine ähnliche Spanne zwischen Wirkstoffpreis und Verkaufspreis für das Medikament. Weil Arzneimittel in der Herstellung fast nichts kosten, können es sich die Pharmafirmen leisten, einen großen Anteil ihrer Ware zu verschenken. In ihren Budgets spielt es kaum eine Rolle, ob sie als Anreiz und Draufgabe zum Kauf noch einmal so viel oder sogar doppelt so viel an Ware verschenken.

Ich kann mit zahlreichen firmeninternen Dokumenten belegen, dass es sich bei diesen Medikamenten-Geschenken nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein gut eingespieltes System, das flächendeckend ganz Österreich betrifft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ärztekammer von diesen Praktiken nichts wusste – schließlich führen zahlreiche Funktionäre selbst eine Hausapotheke, beispielsweise der Leiter des Medikamentenreferats der Ärztekammer, Dr. Otto Pjeta. Oder der derzeitige Chef der österreichischen Ärztekammer, Dr. Reiner Brettenthaler.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Finanzministerium nichts über diese Praktiken wusste, denn bei jeder Steuerprüfung müsste das enorme Ausmaß der Schenkungen auffallen. Aber vielleicht werden hausapothekenführende Ärzte nie einer Steuerprüfung unterzogen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Wirtschaftsministerium nichts von derartigen Praktiken wusste. Minister Bartenstein war selbst jahrelang Geschäftsführer der Pharmafirma Lannacher. Seine Frau Ilse Bartenstein ist Prokuristin dieses Unternehmens, von dem mir seitenweise Belege über Geschenkaktionen vorliegen.

Bartensteins Geschenke

Beispielsweise erhielten Hausapotheker, die von der Firma Lannacher im März 2003 vom Penizillin-Präparat Amoxilan zwanzig Packungen kauften, gratis zwanzig Packungen dazu. Der Wert dieses Geschenks beträgt 359 Euro. Den skurrilsten Beitrag zur Debatte um Medikamentenpreise lieferte die Gesundheitsministerin Rauch-Kallat. Laut Gesetzesentwurf will sie in Zukunft das Ausmaß von Geschenken pro Arzt auf 7500 Euro im Jahr beschränken. Offenbar weiß die Ministerin, dass höhere Beträge nicht unüblich sind, denn sonst käme sie nicht auf die Idee einer derartigen Beschränkung. Der Gesetzesvorschlag zeigt aber auch, dass die Gesundheitsministerin überhaupt nicht kapiert hat, worum es bei dieser Sache geht. Wenn ich mich recht entsinne, hat sie die Krankenkassen wiederholt und nachdrücklich aufgefordert zu sparen. Nähme man den Vorschlag der Ministerin ernst, dann würde dies bedeuten, dass die 35.000 Ärzte in Österreich pro Jahr von der Pharmaindustrie Geschenke im Wert von insgesamt 262 Millionen Euro erhalten dürften.

Mit anderen Worten: Die Gesundheitsministerin hat nichts dagegen, wenn von den rund zwei Milliarden Euro Gesamtkosten für Medikamente 13 Prozent als Geschenke an Ärzte fließen. Österreich ist eben ein großzügiges Land, wo Ministerinnen per Gesetz Geschenke verteilen, die von anderen bezahlt werden müssen. Die anderen, das sind wir, die dummen Beitragszahler.

Die Pharmakonzerne argumentieren, dass die Preise deshalb so hoch sind, weil die Forschung so teuer ist und sie diese Forschung eben selbst finanzieren müssen. Immer wieder hört man, die Entwicklung eines einzigen neuen Medikaments verursache Forschungskosten in der Höhe von etwa einer Milliarde Euro. Bleiben wir beim Beispiel Viagra. Die Forschungskosten betrugen in Wirklichkeit nur etwa 30 Millionen Euro. Selbst The Wall Street Journal, eine industriefreundliche internationale Wirtschaftszeitung, macht sich lustig über den Forschungsaufwand des Viagra- Herstellers.

Immer so weiter?

Internationale Finanzinvestoren klagen in den letzten Jahren immer wieder, dass die großen Pharmakonzerne kaum mehr neue Wirkstoffe entwickeln. Pro Jahr kommen weltweit höchstens drei oder vier Medikamente auf den Markt, die in der Medizin als wirkliche Neuerungen gelten. Der große Rest sind Nachahmungen von Altbekanntem. Die Forschungsausgaben der großen Pharmakonzerne betragen in der Regel höchstens zehn Prozent des Umsatzes, während der Anteil für Marketing und Werbung drei- bis viermal so hoch ist.

Das wirkliche Problem an diesem Medikamentenskandal sind ja nicht die Preise und die Kosten. Problematisch sind die Auswirkungen auf die Qualität der medizinischen Versorgung. Denn die Verlockung ist groß, dass hausapothekenführende Ärzte Medikamente nicht nach medizinischen Gesichtspunkten verschreiben – was ist am besten für den Patienten –, sondern danach, welches Firmen- Sonderangebot gerade Gratispillen in die Apotheke gespült hat. Nach meinen Berechnungen verschreiben hausapothekenführende Ärzte im österreichischen Durchschnitt etwa vierzig Prozent mehr Medikamente als andere Ärzte – ein deutlicher Hinweis darauf, dass da etwas faul ist am System.

Vor wenigen Tagen berichtete mir die Angestellte eines hausapothekenführenden Arztes in Niederösterreich, sie habe ihren Job gekündigt, weil sie es nicht verantworten konnte, daran mitzuwirken, wie einigen Patienten aus finanziellen Erwägungen ungeeignete Medikamente verschrieben wurden. Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat hat offenbar nichts dagegen, dass dieses korrupte System weiterläuft – in Zukunft mit ihrer offiziellen Erlaubnis. (DER STANDARD Printausgabe, 30./31.07.2005)

Zum Autor

Hans Weiss ist allein verantwortlicher Autor der neu erschienenen Ausgabe von „Bittere Pillen 2005–2007“ (Kiepenheuer & Witsch), in der auch die Preispolitik der Pharmafirmen beschrieben wird; Ende September dieses Jahres wird in Wien und Berlin sein neues Buch „Mein Vater, der Krieg und ich“ präsentiert.
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    Korruption - jetzt auch in Pillenform

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