Die Bilderstammler der terroristischen Modewörter

29. Juli 2005, 20:20
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"Young Directors Project"-Auftakt mit Vladimir Bartols "Alamut"

Salzburg - Ein von Dusan Jovanovic zum Zweistünder zusammengeschmorter Vielhundertseitenroman Vladimir Bartols über faschistoide Großmanipulation mit der Zielperspektive des heiligen Terrors: Auf den ersten Blick ist die im Rahmen des "Young Directors Project" uraufgeführte Szenenfolge Alamut im Salzburger republic das brennend aktuelle, auf den welttagespolitischen Punkt gebrachte Modellstück zur alles beherrschenden Terrorangst.

In der Aufführungspraxis des Slowenischen Nationaltheaters Ljubljana entpuppt sich der dramatische Verschnitt des vielschichtig historisch verspannten Monsterprosatextes von 1938 jedoch als weiteres Musterbeispiel missratener Vorlagenverwurstung. Theater hat andere Gesetze als Erzählkunst: Gerade feurig Zelebriertes vulgarisiert den Kern des Geschriebenen - ein momentan hochmodischer Theatertrend der Prosaverwandlung zum Minderen.

Was bei diesem hechelnd vorgeturnten Stenogramm zur Grundmechanik religiösen Terrors so langweilt, ist das nervende choreografische Einhämmern von platten Einsichten, die nach dem Twin-Tower-Inferno allen, ausgenommen der US-Nomenklatur, einleuchten.

Längst ist klar, wo der Hund begraben liegt, woher die Kräfte zur Brechung des Einzelnen, gepaart mit dem kollektivberauschten Paradieses-Versprechen für Vernichtungstaten, herkommen. Alamut stammelt nach, was jeder TV-Report täglich liefert. In der Tonart flammenden Studententheaters wird zudem die Komplexheit des Bartol-Textes verstümmelt, der auch von den im 11. Jahrhundert praktizierten Gehirnwaschtechniken des Menschen verachtenden Islam-Sektierers Seiduna handelt.

Einschlägige Zitate

Man erlebt mit deutschen Untertiteln Rituale der Demütigung, Täuschung und Fanatisierung, wie sie Menschenfresser aller Zeiten als Selbstbefriedigungssport und Lenkungsinstrument der Massen praktizierten und dies weiterhin tun. So weit, so einschläfernd stilisiert und showmäßig aufgemischt nach den öde wirkenden Mixrezepten der 70er-Jahre.

Verkauft wird dieser Festspielimport als Placebo für alle, die von Salzburg tatsächlich eine theaterästhetische Frischzelleninjektion erwarten. Die von Martin Kusej, Eva-Maria Voigtländer und Sebastian Huber projektierte "etwas andere" Theaterleiste ist etikettiert mit "neuem, vitalem Theater aus dem Europa der Provinzen und Regionen". Nach dem ermüdenden Absolvieren des YDP-Auftaktes stellt sich die Frage nach programmatischer Selbstüberforderung, netten Schlagworten und einer leichtfertig hochgepushten Erwartungshaltung.

Das versprochene junge Wundertheater findet nicht statt. Es scheint verwelkt auf dem Weg in die Wunschfalle. (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.07.2005)

Von Anton Gugg
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    foto: salzburger festspiele/uhan
  • Gehirn- 
und 
Körperwäsche 
als Ausprägungen 
ein und desselben Terrorregimes: "Alamut" im Salzburger republic.
    foto: salzburger festspiele/uhan

    Gehirn- und Körperwäsche als Ausprägungen ein und desselben Terrorregimes: "Alamut" im Salzburger republic.

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