Ein motorischer Rausch

26. Juli 2005, 15:16
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Emio Greco & PC: Zwei "Double Points"

Ravels Bolero ist eines der aufreibendsten Musikstücke, die je geschrieben wurden. Wie ein endloser Wurm windet sich das markante Thema durch die Gehörgänge der Zuhörer. Emio Greco hat sich in Double Points: One zum Gefangenen dieses Werkes gemacht.

Der italienisch-niederländische Tänzer und Choreograf, der alle seine Arbeiten (zusammen mit Pieter C. Scholten alias PC) im Spannungsfeld von Körperlichkeit und Geistigkeit ansiedelt, ist den Schlägen der sich ständig steigernden Musik ausgeliefert. Spots richten sich auf seinen zuckenden Körper, wenn er im knielangen Kittel nicht mit dem Stück tanzt, sondern gegen es zu kämpfen scheint. In rasantem Tempo ereignet sich dieser motorische Rausch. Grecos außergewöhnliche Präsenz und Intensität ziehen den Zuschauer in diesen Kampf mit hinein.

Double Points: Two hinterfragt die Utopie der Synchronität. Barbara Meneses tanzt an Grecos Seite, in seinem Schatten oder so genau vor ihm, dass die beiden zu einem Wesen zu verschmelzen scheinen. Beide tragen sie dieselben erdfarbenen Kittel, in denen sie phasenweise vom Dunkel der Bühne verschluckt zu werden drohen. Wie in der Ballettschule wiederholen die ausdrucksstarken Tänzer gemeinsam ihre Schritte, doch ihre Füße tasten sich nur vorsichtig auf die Positionen und ihre Beine zittern.

In solchen Momenten sind sie einander sehr nah, doch bald schon entgleiten sie in unterschiedliche Räume und Zeiten. Ihre Körper gehen Bewegungen nach, deren Impulse im Dunkeln bleiben, begleitet von einer oft unheimlichen, bedrohlichen Soundkulisse. Greco glaubt daran, dass der Tanz eine Weisheit des Körpers preisgeben kann, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Schnell ist dieser Tanz, energiegeladen und schön. Eine sorgfältig kontrollierte Metamorphose von Gegensätzlichkeit und Zusammenwirken. (hel/DER STANDARD, Printausgabe, 26.07.2005)

"Double Points: One & Two" im Akademietheater am 10.+11. 8., 21.00
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