Experten uneins über Bedeutung der Explosionen

22. Juli 2005, 17:12
posten

Sprengsätze könnten von der gleichen Gruppe oder von Nachahmern stammen: "Versuch, Panik zu verbreiten"

London - Britische Terrorismusexperten sind sich in ersten Reaktionen am Donnerstag uneins über die Bedeutung der neuerlichen Anschläge in London. Robert Ayers vom Königlichen Instituts für Internationale Angelegenheiten (RIIA - bekannt als Chatham House) meinte, die Attentate seien vermutlich von der gleichen Gruppe ausgeführt worden wie die Anschläge vom 7. Juli, die über 55 Menschen das Leben kosteten. Michael Clarke vom King's College in London und Shane Brighton vom Royal United Services Institute (RUSI) sagten hingegen, es sehe eher nach einem misslungenen Nachahmungsversuch von "Amateuren" aus.

Gleichzeitig räumten beide ein, dass der Sinn von solchen "misslungenen" Anschläge auch darin bestehen könnte, Unruhe zu verbreiten. "Es ist ein Teil der terroristischen Psychologie, dass eine Bombe nie ausreicht. Der erwünschte Effekt entsteht erst, wenn der Eindruck verbreitet wird, es gebe viele Bomben und die Öffentlichkeit müsse lange damit leben - es sei denn, sie tun etwas, es sei denn, die Regierung ändert sich", sagte Clarke.

Brighton wies darauf hin, dass es sich auch um die Taten von Sympathisanten der früheren Terroristen handelt könnte. "Es kann ein Versuch sein, um Panik zu verbreiten." Gleichzeitig erschienen diese Anschläge "bei weitem nicht so ernst" wie jene vor zwei Wochen. Ayers vermutete hingegen, dass hinter diesen Attentaten die gleiche "Infrastruktur" stehe, wie hinter den früheren Anschlägen. "Alles was die brauchen, um das wieder zu machen, sind weitere vier dumme junge Männer, die bereit sind, hinzugehen und für eine Sache zu sterben", meinte der Chatham-House-Experte.

"Handschrift von Nachahmungstätern"

Als "eindeutig die Handschrift von Nachahmungstätern" bezeichnete der deutsche Terrorexperte Udo Ulfkotte die erneuten Anschläge auf das Londoner Verkehrsnetz. Die Tatsache, dass wohl kleinere Sprengsätze eingesetzt wurden und es bisher noch kein Bekennerschreiben gebe, würde darauf hindeuten, dass es sich nicht um Taten handle, die von langer Hand geplant wurden, sagte Ulfkotte im Telefonat mit der APA.

Wären die Explosionen langfristig geplant, "wäre das Ergebnis ein anderes", gab sich der Terrorexperte überzeugt. Mit Nachahmungstaten müsse man nun jederzeit und überall rechnen. "In keinem Land ist man jetzt davor gefeit", sagte der Autor mehrerer Fachbücher. Dass ausgerechnet London erneut zum Schauplatz wurde, sei nicht unbedingt absehbar gewesen.

Insgesamt seien die neuen Anschläge "nicht verwunderlich". Ulfkotte betonte, dass man sich, um dieses Phänomen begreifen zu können, von einem "schnelllebigen und kurzfristigen Denken" lösen müsse. "Wir sind immer wieder überrascht, wenn wir von neuen Anschlägen hören, dabei haben wir eine lückenlose Dokumentation von etlichen Fällen, die verhindert wurden." Solche verhinderten Attentate würden allerdings sowohl in den Medien als auch im Gedächtnis der Menschen keinen großen Niederschlag finden.

"Absolut ungewöhnlich"

Der kurze Intervall zwischen den Anschlägen in London sei "absolut ungewöhnlich". Das sagte der Terrorexperte Robert Sturm, für das Risikomanagement-Unternehmens MIG (Merchant International Group) tätig und früher bei der Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus (EBT), im Gespräch mit der APA. "In der Geschichte des Terrors ist eine Serie eher selten." Es wäre allerdings zu früh, zu sagen, dass die Anschläge von heute und von vor zwei Wochen tatsächlich zusammenhängen.

"Neue Qualität des Terrors"

"Wir müssen damit leben, dass es Trittbrettfahrer gibt. Wir wissen das von der Briefbombenserie in Österreich. Aber wenn die Anschläge tatsächlich zusammenhängen, dann wäre das eine neue Art und Qualität des Terrors", betonte der Fachmann.

"Die Ermittlungen nach den ersten Anschlägen sind noch nicht abgeschlossen. Man weiß nicht, ob dafür eine Gruppe oder eine Einzelzelle verantwortlich war", erklärte Sturm. "Früher gab es klassische Terrorgruppen wie die IRA und ETA, die waren hierarchisch organisiert. Die Al Kaida zerstreut sich und agiert von Zellen aus, die nicht zusammenhängen. Sie operieren großteils selbstständig." (APA/Reuters)

Share if you care.