"Gefahr, dass uns China überholt"

27. Juli 2005, 15:48
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EU-Kommissar Janez Potocnik fordert im STANDARD-Interview eine Erhöhung der Forschungsausgaben: Die EU brauche einen positiven Schock

STANDARD: Hat Sie verwundert, dass ausgerechnet die britische EU-Präsidentschaft beim Budgetentwurf für 2006 Änderungen bei der Forschung vorgenommen hat? Denn die Briten haben ja angekündigt, sich für höhere Forschungsausgaben einsetzen zu wollen.

Potocnik: Man muss unterscheiden, dass es sich hier nicht um die langfristigen Perspektiven handelt. Hier galt es, ein bereits festgelegtes Programm umzusetzen. Aber auch wenn hier Kürzungen beschlossen werden, so bin ich mir ganz sicher, dass man noch einmal darauf zurückkommt. Denn es gilt ja, bereits fixierte Programme auch entsprechend zu dotieren. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

STANDARD: Derzeit wird das EU-Budget für 2007 bis 2013 diskutiert. Wird es sich zeigen, ob es der derzeitigen britischen EU-Präsidentschaft ernst ist mit ihrer Ankündigung, dass sie zur Erhöhung der Forschungsausgaben beitragen will?

Potocnik: Es sind nicht nur die Briten. Alle EU-Staaten müssen zustimmen. Was mich besorgt, ist die Frage, ob das nur Lippenbekenntnisse sind, denn 25 EU-Staaten müssen zu ihrem Wort stehen, dass sie in diesem Bereich mehr ausgeben wollen. Wenn es ums Geld geht, dann soll sich das auch in Taten widerspiegeln.

STANDARD: Ziel ist es, die Forschungsausgaben innerhalb der Europäischen Union bis zum Jahr 2010 zu verdoppeln. Ist das überhaupt zu schaffen?

Potocnik: Das ist im Übrigen nicht genug. Wir brauchen in Europa einen positiven Schock, um die Situation zu ändern, in der man festsitzt. Wir haben kein Öl oder andere Ressourcen, wir müssen im Wissensbereich an der Spitze sein. Deshalb müssen wir hier mehr investieren. Das weiß jeder. Und das Geld dafür fällt nicht vom Himmel.

Es muss auch auf EU-Ebene mehr gemeinsam gemacht werden. Österreich - oder Slowenien - kann das natürlich nicht alleine schaffen. Aber wenn die EU dahinter steckt, dann handelt es sich um eine Supermacht.

STANDARD: Würde die Verdoppelung der Forschungsausgaben überhaupt ausreichen, um den USA hinterherzukommen?

Potocnik: Wir hinken klar hinterher. Die USA geben 2,6 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt aus, Japan gibt mehr als drei Prozent aus, die EU im Durchschnitt 1,95 Prozent. Österreich liegt hier etwas über dem Durchschnitt, aber noch immer im Mittelfeld. Die Unterschiede in Europa sind beträchtlich. So geben etwa die skandinavischen Staaten hier sehr viel mehr aus und sind damit auch ein Vorbild für andere EU-Staaten. Aber die große Gefahr ist, dass uns China überholt. Es geht nicht nur darum, aufzuholen gegenüber den USA und Japan, sondern es ist zu befürchten, dass China uns noch überholt. Ohne die Forschungsausgaben zu erhöhen, werden wir mit Sicherheit scheitern.

STANDARD: Was erwarten Sie sich von Österreich auf dem Gebiet der Forschung?

Potocnik: Es ist noch nicht sicher, ob unter britischer EU-Präsidentschaft eine Einigung über den Finanzplan bis 2013 zu schaffen ist. Auf jeden Fall wird das Thema Finanzen auch während der nachfolgenden EU-Präsidentschaft an der Spitze der Agenda stehen. Es geht auch um die Umsetzung. Wir brauchen eine Einigung zum siebten Forschungsrahmenprogramm. Österreich ist klug genug, seine Prioritäten auch für die EU-Präsidentschaft klar zu setzen. Ich bin schon im Gespräch darüber mit Bildungsministerin Elisabeth Gehrer.

STANDARD: Was halten Sie davon, eine europäische Eliteuniversität nach dem Vorbild des MIT zu schaffen?

Potocnik: Das ist einer der Vorschläge, wie in der Forschung in Europa Herausragendes erreicht werden kann. Es ist die Frage, ob dies besser von oben nach unten erreicht werden kann oder umgekehrt. Und ob man nicht eine zentrale Einrichtung, sondern viele in der EU braucht. Das ist alles noch nicht entschieden.

STANDARD: Ihre Meinung dazu?

Potocnik: Ich bin näher an der Position, wir brauchen einen Aufbau von unten nach oben, basierend darauf, wo es schon Potenzial gibt. Wir können auch nicht einfach alles von den USA übernehmen. Europa ist anders.

STANDARD: Wann wird hier eine Entscheidung getroffen?

Potocnik: Dafür ist es noch zu früh. Wir warten erst einmal den Diskussionsprozess ab und sehen dann weiter.

STANDARD: Der weltweit erste Forschungsreaktor für Kernfusion wird in Frankreich gebaut. Können Sie Befürchtungen etwa der österreichischen Grünen bezüglich der radioaktiven Strahlung nachvollziehen?

Potocnik: Man muss sich mit allen Befürchtungen auseinander setzen, aber auch fragen, ob sie zutreffend sind. Hier geht es um Forschung für eine nachhaltige und sogar umweltfreundliche Energiequelle für die Zukunft. Wir sind davon noch weit weg, aber wir sind optimistisch. Es ist auch wichtig, dass hier Japan eingebunden ist. Das ist ein wichtiges Projekt für Europa und die ganze Welt. Man sollte Befürchtungen hier nicht übertreiben, auch wenn ich aus meiner Zeit als Verhandler für den EU-Beitritt Sloweniens weiß, dass alles, was mit Atom zu tun hat, für Österreich ein kritischer Punkt ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 7. 2005)

Das Interview führte Alexandra Föderl-Schmid

Zur Person:
Der Slowene Janez Potocnik (47) ist seit dem Vorjahr EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung. Zuvor war der promovierte Wirtschafts- wissenschafter EU-Minister von Slowenien. Er ist Vater zweier Söhne, die er bisher vergeblich zu überzeugen sucht, in einem anderen EU-Land zu studieren.
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