Eltern kritisieren Platzmangel im gesamten Bildungssystem

18. Juli 2005, 11:35
1 Posting

Orientierungsphase statt Heranziehung von Schulnoten - Kontingent für ausländische Studenten vorstellbar

Wien - Die derzeitige Diskussion um den Hochschulzugang ist für die beiden großen Elternverbände nur aktueller Ausdruck für den Platzmangel im gesamten Bildungssystem. Rund 14.000 Jugendliche würden derzeit keine Lehrstelle finden, jährlich 4.000 an den berufsbildenden Schulen trotz Erfüllung der Aufnahmekriterien abgewiesen, nur jede dritte Bewerber an den Fachhochschulen aufgenommen, so der Vorsitzende des Dachverbands der Elternvereine an den Pflichtschulen, Kurt Nekula, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien.

Dazu komme eine krasse Unterversorgung mit AHS-Standorten in manchen Gegenden sowie 36 bis 40 Schüler in zwei Drittel aller erster Klassen an den berufsbildenden höheren Schulen, kritisierte Nekula. Der aktuelle Andrang zum Medizin-Studium wiederum sei auch nur eine Zuspitzung bereits bekannter Probleme an den Unis: "Bilder von auf den Stufen oder Gängen sitzenden Studenten kennen wir schon seit langem. Das ist mit den Studiengebühren nicht besser geworden."

"Es kann doch nicht sein, dass wir Eltern mit unseren Steuern jenes Bildungssystem mitfinanzieren, von dem unsere Kinder dann ausgeschlossen werden oder dass sich nur mehr der Stärkere einen Studienplatz erkämpfen kann", meinte die Vorsitzende des Bundesverbands der Elternvereine an den Mittleren und Höheren Schulen, Margit Johannik. Sie kann sich eine Kontingent für ausländische Studenten vorstellen, obwohl diese "grundsätzlich eine Bereicherung" seien.

Auch Nekula hält "die Idee vom Europäischen Bildungsraum ja gut. Erasmus ist ja kein Tourismusbelebungsprogramm." Andererseits müsse man dann aber auch über eine Finanzierung auf europäischer Ebene nachdenken.

Durch die Zulassungsbeschränkungen sieht Johannik den "Wert der Matura in Frage gestellt". Wenn es schon Beschränkungen gebe, solle zunächst eine Orientierungsphase von ein bis zwei Semestern eingeführt werden, während der ein Studienwechsel ohne Beihilfeverlust möglich sei. "Seit Bestehen der Erziehungswissenschaft hören wir, das Schulnoten kaum Prognosewert haben", meinte Nekula.

Verwundern herrschte bei den Elternvertretern über das Agieren der Politik. "Eine langfristige Planung kann nicht so schwierig sein. Wir kennen die Schülerzahlen und -prognosen, wir kennen die Zahl der Gaststudenten." Und: "Man muss sich in der EU nicht nur darum kümmern, dass alle Straßenmalereien weiß sind", meinte Johannik. Nekula wiederum vermisste realistische Bedarfserhebungen: "Ich war ja überrascht, dass plötzlich ein Ärztemangel vor der Tür steht, nachdem es jahrelang geheißen hat, wir haben zu viele Ärzte."

Wenn sich Bildungsministerium und Ärztekammer zusammensetzen würden und eine vernünftige Erhebung machten, hätte man die Situation in fünf bis sechs Jahren im Griff. "Wenn sich aber jeder zurücklehnt und froh ist, wenn er nix damit zu tun hat, haben wir ein Problem", so Nekula. "Sich dieser Verantwortung zu entledigen und den Unis zuzuschieben, geht nicht. Das erinnert mich an den schulischen Alltag des 'Ich war's nicht'." Unter dem Titel "Forschungsmilliarde" oder "Bildungsoffensive" seien in den vergangenen Jahren merkliche Investitionen angekündigt worden: "Die fordern wir jetzt ein." (APA)

Share if you care.