Der Irrweg des George Psaradakis

13. Juli 2005, 15:07
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Unter Schock lief der Fahrer des zerbombten Busses durch London

London - Ein paar Tage, vielleicht auch Wochen dürfte es schon noch dauern, bis George Psaradakis wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann. Er sei fest entschlossen, bald wieder hinterm Lenkrad zu sitzen, lässt Stagecoach, ein britisches Busunternehmen, wissen. Verängstigen lasse sich der Fahrer keinesfalls.

Der 50-Jährige, ein Londoner griechischer Herkunft, fuhr den roten Doppeldecker der Linie 30, der am vergangenen Donnerstag an der Ecke Woburn Place/Tavistock Place im Kultur- und Universitätsviertel Bloomsbury in die Luft gesprengt wurde. Mindestens 13 Menschen kamen dabei ums Leben. Es war Zufall, dass Psaradakis den Unglücksbus lenkte. Eigentlich sollte er auf einer anderen Route fahren, in letzter Minute tauschte er mit einem Kollegen.

"Die Hälfte war weg"

"Ich hörte einen Knall. Erst dachte ich, ich sei gegen etwas auf dem Bürgersteig geprallt. Ich drehte mich um und sah, dass die hintere Hälfte meines Busses weg war. Dann sah ich genauer hin und dachte, hier drin muss jeder tot sein."

Es ist zurzeit nicht möglich, ein Interview mit George Psaradakis zu bekommen. George sei fürs Erste okay, aber es sei natürlich nicht leicht für ihn gewesen, diese schrecklichen Dinge mitansehen zu müssen, erzählte seine Ehefrau Andriani dem Evening Standard. Der Busfahrer, Vater von Christina (15) und Marios (13), gab für die Medien eine Erklärung ab, und diese lässt erahnen, welches Trauma er am 7. Juli erlitten haben muss.

"Ich sah an mir herab, sah, dass ich okay war. Mein nächster Gedanke war, etwas für die Verletzten zu tun." George Psaradakis zog blutüberströmte Passagiere aus dem zerbeulten Buswrack, "so viele ich konnte, solange mein Rücken mitmachte, irgendwann konnte ich nicht mehr, es war so ein Schmerz".

Als Nächstes sperrte die Polizei weiträumig den Bloomsbury-Bezirk ab, offenbar im Schockzustand verließ der Chauffeur den Ort des grausigen Geschehens. Er wollte nach Hause. Er lief in die falsche Richtung. Psaradakis wohnt im Nordosten Londons, in Stoke Newington, aber er irrte in Richtung Westen. Elf Kilometer weiter blieb er im Stadtteil Acton vor einem Krankenhaus stehen. Die Schwestern erschraken, als sie ihn in seiner blutbefleckten blauen Busfahrerkluft sahen. Ärzte behandelten ihn wegen Schockverdachts, drei Stunden später durfte er nach Haus.

Seitdem habe er kaum geschlafen, teilte Psaradakis in seiner Erklärung mit. Er habe Schmerzen und sei noch ziemlich durcheinander. "Ich kann immer noch nicht glauben, dass eine Bombe in meinem Bus lag. Zuerst dachte ich: 'Wieso bin ich am Leben, wenn alle um mich herum sterben?'" Typisch für London, endete sein Statement mit einem trotzigen Ton: Als Busfahrer hätten er und seine Kollegen einen wichtigen Job zu machen, "wir werden unser Leben normal weiterführen, wir werden uns nicht einschüchtern lassen". (fh/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2005)

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