Baustellenwecker

11. Juli 2005, 20:09
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Dann war Samstag. Und Schlag fünf Uhr 40 hämmerte ein schweres Maschinengewehr schräg gegenüber los ...

Es ist eigentlich seit ich mich erinnern kann. Aber letzten Freitag habe ich dann den Partiechef gefragt, warum das eigentlich so ist. Oder eigentlich: Ich habe versucht, den freundlichen Chef der drei Polen, die seit Monaten auf der Nachbarstiege meines Hauses ein Stockwerk herrichten, zu fragen.

Aber obwohl der freundliche Chef der drei Universal-Hackler ansonsten gut deutsch kann, war plötzlich alles aus: Der Mann biss in seine Wurstsemmel und grinste mich an. Dann sagte er "nix verstehst ich" – und wir waren uns einig, dass ich mir was anderes überlegen müssen würde: Für mich und meine blöden Fragen-Welt würde er seine karge Pause nicht opfern – und eigentlich sah ich ein, dass das angesichts seiner Bezahlung in Ordnung ist. Aus seiner Sicht.

Morgenstund

Aus meiner Perspektive sah das anders aus. Schließlich war es acht Uhr früh. Und auch wenn ich mir bewusst bin, dass das – laut irgendwelchen Statistiken – eine Uhrzeit ist, um die knapp 85 (oder so ähnlich) Prozent der Österreicher längst auf und werktätig sind, stört es mich nicht, ein Minderheitenprogramm zu fahren. So wie die Mehrheit der (kinderlosen) Bewohner meines kleinen Privatsoziotops darf ich mir – noch – den Luxus leisten, auszuschlafen. Oder eigentlich: dürfte.

Denn nebenan wird saniert. Und zwei Hausnummern weiter ziehen sie einen Häuserblock aus dem Boden. Und aus irgendwelchen Gründen befolgen sowohl die polnischen Universalisten im beschäftigungspolitischen Dunkelgrau als auch die woherauchimmer stammenden Spezialisten im – hoffentlich - angemeldeten Regulärbaugewerbe kompromisslos ein ehernes Gesetz der Baubranche: Spätestens um sieben werden alle Generatoren, Presslufthämmer, Trennscheiben, Motor- und Kreissägen, Winkelschneider und Betonrammen eingeschaltet. Gleichzeitig. Auf vollen Touren. So, als müsste man mit Lärm beweisen, dass auch heute wieder ein Tag beginnen wird.

Erklärungsmodell

Es gäbe, erklärt mir P. – kürzlich wurde vor seinem Haus das Rohrwerk aus- und dann wieder eingegraben – eine Erklärung für diesen frühen Start: Bauarbeiter verdienen so wenig, dass sie am Nachmittag zur "Nachbarschaftshilfe" quasi gezwungen seien. Und damit sie das noch bei Tageslicht tun könnten, habe die Gewerkschaft irgendwann einmal diesen frühen Arbeitsbeginn eingeführt – das Faktum, dass Baustellen ab 15 Uhr meist verwaist seine, wäre doch Beweis genug dafür. Außerdem gäbe es viel Pendler unter den Hacklern – und wenn die zusätzlich zu uns Bürotätern um neun Uhr alle Straßen verstopfen würden ...

Was die erste Theorie aber wackeln lässt, ist die Frühstückspause: Schlag acht Uhr dreißig – meist früher - verstummen alle Betonrammen. Auf der Baustelle wird gefrühstückt. Und danach geht es gesittet zu: Ein bisserl Mischmaschine, ein bisserl Fluchen. Ein bisserl Nagelpistolenschießen am Dach. Das ist es auch schon. Sagt mein subjektives – und von Privatempirien im Bekanntenkreis gestütztes – Baustellenbeobachtungsprotokoll.

Rhythmuswechsel

Auch, dass etwa die Hälfte der so beobachteten Baustellen nicht in den regulären Beschäftigungsstatistiken aufscheinen dürfte, könnte Ps. These falsifizieren. Aber egal. Jedenfalls wollte ich am Freitag – ich hatte einen etwas längeren Abend gehabt - wissen, warum die Jungs aus Polen den Rhythmus nicht umdrehen können: Frühstück, fluchen, Flämmen und – so gegen Mittag vielleicht mit der Flex an die Stalhtraverse. Aber die Polen nickten nur freundlich, boten mir Thermoskannenkaffee an, drehten ihr Kofferradio leiser – und pfiffen A. und einer unserer neuen Nachbarinnen begeistert zu: Beide Frauen hatten – unabhängig voneinander - an den der Baustelle zugewandten Fenstern halbnackt den Zorn aller Götter auf alle Bautrupps dieser Erde herabgewünscht (aus der Hackler-Pausen-Perspektive, sah ich, ein ziemlich netter Anblick – aber das allein kann ja nicht eine ganze Branche am laufen halten.)

Pressluftbohrer

Dann war Samstag. Und Schlag fünf Uhr 40 hämmerte ein schweres Maschinengewehr schräg gegenüber los: Die Polen waren in Polen – aber auf der regulären Baustelle stand einer mit dem Pressluftbohrer. Ich suchte nach einer Schusswaffe. Leider besitze ich keine. Aber als mir das wieder einfiel, war der Krach vorbei: Die Funkstreife stand bei der Baustelle – und der Bauarbeiter aus der Hölle öffnete eine Flasche Bier. Als die Polizei weg war packte er seinen Kram ein und ging. Vorher winkte er noch dem Nachbarn von gegenüber freundlich zu. Der dürfte wohl die Polizei gerufen haben.

Es war halb sieben. Ich war sauer. Und hellwach. Und ich hatte nichts zu tun. Wirklich nichts? Mein Blick fiel auf ein noch immer nicht an der Wand montiertes Regal im Vorzimmer. Und einen Kabelkanal, der eigentlich unter den Verputz gelegt werden sollte. Oben auf dem Haufen lag mein Bohrmeißel. Ganz frisch aus dem Baumarkt. Ich warf die Kaffeemaschine an – und dann spannte ich den Meißel ins Bohrfutter ein: Es wurde doch noch ein wunderschöner Tag.

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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