Die Erschöpfung des Wanderers

23. Dezember 2005, 11:30
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Claude Simon ist tot: Der große französische Neuerer des Romans und Nobelpreisträger verstarb 91-jährig in Frankreich

Paris - Er war ein Dichter der Langsamkeit - jener nur Außenstehende als solche irritierenden Langsamkeit, die die ungewohnt genaue, rege Betrachtung des wahrnehmenden Blicks aktionsarm umhüllt.

Handlungsfülle, ein ungebrochener narrativer Strang, Zutaten, die ein großes, weniger wahrnehmungsversessenes Publikum ansprechen, mussten Claude Simon naturgemäß wenig interessieren. Sein literarischer Weg war, wie er selbst beschrieb, "ganz anders als der Weg, dem gewöhnlich ein Romancier folgt, ausgehend von einem ,Anfang' und in ein ,Ende' mündend. Der meine wendet sich hin und her, wie ein Wanderer tun mag, der sich im Wald verirrt hat, umkehrend, wieder weitergehend, getäuscht (oder geleitet?) durch die Ähnlichkeit bestimmter, jedoch ganz anderer Orte, die er wiederzuerkennen meint, oder im Gegenteil durch das jedes Mal andere Aussehen desselben Orts, dabei seine eigenen Wege oftmals kreuzend, schon durchquerte Plätze wieder berührend, etwa so und es mag sogar geschehen, dass am ,Ende' man sich an demselben Ort wiederfindet wie am ,Anfang'."

Auch das Bild des im Wald verirrten Wanderers ist solch ein Ort, der wiederkehrt im Werk von Claude Simon. Die Beschwörung der Erinnerung jener Begegnung im Zweiten Weltkrieg, als der Soldat Simon 1940, Mitglied eines französischen Kavallerieregiments, in das Mündungsfeuer deutscher Panzer geriet - auf der anschließenden Flucht herumirrend bis zur vollkommenen Erschöpfung. In La route des Flandres (1960, dt: Die Straße von Flandern) etwa tauchen die autobiografischen Bilder jener Momente auf. Dem Blick des Gehetzten eröffnet sich die Welt in der Fülle ihrer Einzelheiten. Wiederholt schilderte Simon jene Momente als Ausgangspunkt seines Schreibens.

In Perpignan

1913 in Tananarive auf Madagaskar geboren als Sohn eines Berufssoldaten, verlor Simon seinen Vater mit einem Jahr, seine Mutter mit elf Jahren und wuchs bei Verwandten in Perpignan in Südfrankreich auf. Seine Absicht, Maler zu werden, gab er nach kurzem Studium im Atelier des kubistischen Malers André Lhote wieder auf - malerische Elemente, präzise Beschreibungen der Dingwelt, Montagetechniken, in denen er verschiedenste Erinnerungsbilder unmittelbar nebeneinander setzte, prägten jedoch sein Schreiben einer in stehende Momentaufnahmen und weit verzweigte Assoziationsketten zerfallenen Wirklichkeit.

Mit der Abkehr von der Konzentration auf Plot und Empfindungsbeschreibung eines Protagonisten galt Claude Simon in den späten Fünfzigerjahren - neben Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet und Michel Butor - als einer der Protagonisten des Nouveau Roman, die mehr unterschied als einte, denen jedoch die Suche nach neuen Formen gemeinsam war. Die Romane Le vent (1957, dt.: Der Wind), L'herbe (1958, dt.: Das Gras) und die erwähnte La route des Flandres markierten Simons Suchbewegung jener Jahre. 1985 wurde er für sein Werk mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Dass sich die Zahl der Leser seiner komplexen Romane dennoch in Grenzen hält, mag an der eingangs erwähnten Langsamkeit liegen, die auch dem Lesenden eine Reduktion der Geschwindigkeit abverlangt, will er in die sorgsam komponierten Bildwelten eindringen. Wem aber jene Verlangsamung glückt, der wird, wie ähnlich bei Simons großem Vor- und Gegenbild als Autor der Erinnerung, Marcel Proust, mit einer Genauigkeit der Wahrnehmung belohnt, die das eigene, unvollkommene Instrumentarium der Sinne zu schärfen verspricht.

Bereits am Mittwoch verstarb Claude Simon 91-jährig in Paris. Der Roman ohne Ende ist geschlossen: "Deshalb kann es keinen anderen Abschluss geben als die Erschöpfung des Wanderers, der diese unerschöpfliche Landschaft erforscht." (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 7. 2005)

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