Wiens Netzkulturszene soll Subventionsempfänger selbst bestimmen

15. Juli 2005, 10:40
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Neuartiges Fördermodell sieht gegenseitige Bewertung der Initiativen vor, die für Mittelvergabe durch Stadt Wien entscheiden sein soll - Mailath-Pokorny: "Neuland"

Die Wiener Netzkultur-Szene kann ab kommenden Jahr in einem neuartigen Fördermodell über ein softwaregestütztes Ranking-System selber darüber entscheiden, wer Gelder der Stadt Wien in der Gesamthöhe von 250.000 Euro bekommt. Insgesamt werden in einem viermoduligen neuen Fördersystem 500.000 Euro jährlich im Bereich Netzkultur vergeben werden. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) lobte heute, Freitag, das gemeinsam mit der Plattform netznetz.net entwickelte Modell als "unhierarchisches, unbürokratisches, sehr transparentes partizipatorisches System" sowie als "Beispiel gebend" und "Neuland".

500.000 Euro für die Netzkultur

Die ab 2006 insgesamt vergebenen 500.000 Euro für die Netzkultur bedeuten laut Mailath-Pokorny eine Steigerung um 200.000 Euro, die nicht aus anderen Bereichen zufließen sollen, sondern um die das Kulturbudget erhöht werden soll. Im Modul "Network Grants" soll die Zusammenarbeit der Szene dadurch gestärkt werden, dass ihre Vertreter einander durch Stimmabgabe gegenseitig bewerten. Über eine derzeit im Entstehen begriffene Software können interessante Projekte durch positive Bewertung durch andere Netzkultur-Initiativen in einer Liste nach vorne gereiht werden. Die dadurch entstehende Projekt-Hitparade soll an bestimmten Stichtagen dann als Förderungs-Empfehlung gelten, schilderte Mailath-Pokorny. Die ersten 15 bis 20 Projekte würden dann durch einen einheitlichen Betrag gefördert werden, insgesamt werden auf diese Weise 250.000 Euro vergeben.

"Microgrants"

Weiters vergibt die Stadt Wien "Microgrants" in der Gesamthöhe von 50.000 Euro jährlich für "Neue(s) und Kleine(s)" an "Studierende, Kurzfristiges, Notfälle" . 100.000 Euro jährlich stehen unter dem Titel "Backbone Projects" für Hardware, Artist-Residencies, Räume oder Hardware-Pools zur Verfügung und werden durch ein Expertengremium vergeben. Und eine jährliche Präsentation des Sektors Netzkultur wird mit 100.000 Euro via Jury gefördert, schilderten die SP-Landtagsabgeordneten Sybille Straubinger und Andreas Schieder, die an der Erstellung beteiligt waren.

Das neue Fördersystem ersetzt die bisher vergebenen Subventionen im Bereich Netzkultur, deren größter Nutznießer (zuletzt mit 218.000 Euro jährlich) die Initiative "Netbase" (früher Public Netbase) war. Deren Leiter Konrad Becker meinte während der Vorstellung des Konzepts, dass dieses "mehr Fragen als Antworten" aufwerfe. Das computerunterstützte Ranking-System erinnere an ein "Gewinnspiel". Laut Netbase-Berechnung habe es bereits bisher für den Bereich Neue Medien 436.000 Euro jährlich gegeben. Das neue Fördersystem will explizit besonders noch nicht etablierte Strukturen fördern. Es gehe um "Kollaboration anstatt Institution", so Mailath-Pokorny.

Jeder

Für das Stimmrecht bei den "Network Grants" könne sich "jeder anmelden, der in diesem Bereich arbeitet", so Straubinger. Bei der Präsentation wurden Fragen nach der Tauglichkeit eines Votingsystems aufgeworfen. Um etwaigen gegenseitigen Bevorteilungen oder dem Einfluss von bereits bestehenden Spannungen zwischen einzelnen Vertretern innerhalb der Szene auf die Stimmvergabe die Schärfe zu nehmen, soll während eines Probebetriebs und auch nach Etablierung des neuen "Reputations-Systems" Anfang 2006 die Möglichkeit bestehen, Faktoren nachzujustieren. So könnte etwa die gegenseitige Stimmabgabe von zwei Initiativen füreinander für das Ranking weniger stark gewertet werden, oder auch gleich bleibende Abstimmungsmuster für oder gegen einzelne Initiativen über die Zeit entwertet werden. Die Feinjustierung des Systems sei ein Prozess, der wissenschaftlich begleitet werden soll, schilderten alle Beteiligten.

Lob und Kritik

Von den Wiener Grünen kommt dazu Lob und Kritik. Die Erhöhung des Netzkultur-Budgets werde zwar begrüßt, doch fordern die Grünen erneut dessen Aufstockung auf eine Mio. Euro, sagte die Kultursprecherin der Wiener Grünen, Marie Ringler, laut einer Aussendung. Das System der gegenseitigen Bewertung der Netzkultur-Szene werde "skeptisch beobachtet", dieses könne "'Kannibalismus' innerhalb der Gruppe" fördern.(APA)

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