Kurdenmorde: Geheimtreffen mit Informanten in Frankreich

13. Juli 2005, 16:22
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ORF-Journalistin bestätigt Angaben von Pilz

Wien/Paris/Teheran – Die neuerlichen Ermittlungen rund um die Wiener Kurdenmorde aus dem Jahr 1989 befinden sich in einem heiklen Stadium. Der in Frankreich lebende Informant, der behauptet, dass der ehemalige iranische Staatspräsident Hashemi Rafsanjani und der designierte Präsident des Iran, Mahmud Ahmadi-Nejad, in den Dreifachmord involviert seien, wird dieser Tage von österreichischen Staatsschützern befragt. Von diesem Treffen, für das allerhöchste Geheimhaltung gilt, ist abhängig, ob die österreichische Justiz den Informanten als glaubwürdig einstuft. Bis dahin wird die Staatsanwaltschaft auch kein konkretes Verfahren einleiten.

Wie berichtet, hat die Causa zu schweren diplomatischen Verstimmungen zwischen Teheran und Wien geführt, der Iran weist die Vorwürfe empört zurück, Österreich wurde offiziell zu einer Stellungnahme aufgefordert. Den Stein ins Rollen gebracht hatte der österreichische Grünen-Politiker Peter Pilz, der nach eigenen Angaben den Informanten am 20. Mai in der Villa des iranischen Expräsidenten Abolhassan Bani-Sadr bei Paris getroffen hat.

Journalistin bestätigt

Dabei war auch eine ORF- Korrespondentin anwesend, die Donnerstag im Ö1-"Mittagsjournal" erstmals über das Treffen berichtete. Sie bestätigte im Wesentlichen die Angaben von Pilz über das Treffen. Der Informant habe angegeben, Details über die Kurdenmorde von einem der Killer direkt erhalten zu haben. Es habe damals zwei Teams gegeben, Verhandler und ein Operationsteam, das die Morde am iranischen Kurdenführer Abdul Rahman Ghassemlou und seinen beiden Begleitern ausgeführt habe.

Ahmadi-Nejad habe dem Operationsteam angehört, soll der Killer behauptet haben. Diese Aussage aus erster Hand kann aber nicht mehr überprüft werden, weil der gesprächige Attentäter inzwischen bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen sein soll. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat die Wiener Staatsanwaltschaft bisher von einer "dünnen Suppe" gesprochen.

Unabhängig von Pilz' Informanten hatte auch die tschechische Tageszeitung Pravo über eine mögliche Verwicklung Ahmadi-Nejads in die Wiener Kurdenmorde berichtet. Das Blatt berief sich dabei auf die Aussagen von Hossein Yazdan Panah, einem Vertreter der kurdischen Oppositionellen aus dem Iran, der im irakischen Exil lebt. Bretislav Turecek, außenpolitischer Redakteur der Pravo, hatte auf der Website einer iranischen Oppositionspartei mit Sitz in London zum ersten Mal über den Verdacht gelesen. Bei weiteren Recherchen sei ihm schließlich Panah empfohlen worden, dieser habe den Vorwurf bestätigt. Die Angaben Panahs, wonach Ahmadi-Nejad nicht nur in die Organisation verwickelt, sondern auch persönlich am Tag des Attentates in Wien gewesen sei, habe er als unglaubwürdig empfunden, sagte der Pravo-Redakteur zum Standard. "Ich hatte das Gefühl, da übertreibt er", meint Turecek. (simo, szi, DER STANDARD, Print, 8.7.2005)

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