Medienmogule an der Macht

31. Oktober 2005, 15:00
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Die Medienindustrie ist in Lateinamerika nicht nur ein gutes Geschäft, sie wird auch als politisches Instrument eingesetzt

Die Medienindustrie, vor allem das Fernsehen, ist in Lateinamerika nicht nur ein gutes Geschäft, sondern wird auch als politisches Instrument eingesetzt. Die guten Beziehungen zu den Herrschenden sind die Grundlage für das Entstehen der großen Konzerne - von Ingrid Haslinger.

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Lateinamerika hat sich für die Medienindustrie in den letzten Jahrzehnten zu einem dynamischen und lukrativen Markt entwickelt. Den 400 Millionen EinwohnerInnen des Subkontinents stehen etwa 2.000 größere Zeitungen und Magazine, 6.000 Radiostationen und 500 Fernsehsender zur Verfügung.

Aufgrund der hohen Einwohnerzahl und der relativ starken Mittelschicht konzentrieren sich mehr als die Hälfte aller Zeitungen und Fernsehsender ganz Lateinamerikas in Brasilien und Mexiko. Ebenfalls von Bedeutung für die Medienproduktion sind Argentinien, Kolumbien und Venezuela. Letztgenanntes Land mit nur vier Millionen Fernsehhaushalten gehört zu den Hauptproduzenten in Lateinamerika.

Der Großteil der Medien befindet sich in privatem Besitz und wird zudem in vielen Fällen von Einzelpersonen beherrscht, die sie zur Förderung ihrer politischen Interessen einsetzen. Als Paradebeispiel ist hierzu der Familienclan Azcárraga und sein mexikanisches Unternehmen Televisa zu nennen, welches seit den 1970er Jahren zum größten spanischsprachigen Medienkonzern herangewachsen ist.

Foto: APA/epa
Televisa-Geschäftsführer Emilio Azcarraga

Die Erfolgsstrategie des Konzerns basierte von Beginn an auf der engen Zusammenarbeit mit der Regierungspartei PRI, die erst im Jahr 2000 ihre jahrzehntelange Vormachtstellung verlor. Bei dieser Allianz gewannen beide. Televisa erbrachte stets seine Dienste für den Staat, und dieser belohnte den Konzern mit neuen Konzessionen, finanziellen Begünstigungen und mit dem Schutz seiner Monopolstellung.

Televisa diente jahrzehntelang den mexikanischen Präsidenten als Sprachrohr. Der Konzern entwickelte sich zu einer konstanten Propaganda-Plattform für die Partei. In der Berichterstattung standen internationale Konflikte vor den nationalen Problematiken, wenn diese die Regierung in ein schlechtes Licht rücken könnten. Lange Zeit galten Televisa und die PRI als die beiden Machtzentren des Landes, die sich gegenseitig stützten.

Ernste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Berichterstattung gab es erstmals im Jahre 1986, als der offensichtliche Wahlbetrug bei den regionalen Wahlen im nördlichen Bundesstaat Chihuahua verheimlicht wurde. Doch Televisa-Eigentümer Emilio Azcárraga stand stets zur politischen Linie des Konzerns und deklarierte dies auch in aller Öffentlichkeit: "Wir sind von der PRI, wir waren schon immer von der PRI; wir glauben an keine andere Formel. Und als Mitglieder dieser Partei werden wir alles Mögliche tun, dass unser Kandidat gewinnt."

Aufgrund aufkommender Proteste gegen das Zusammenspiel der beiden Machtpole verzichtete der Konzern Anfang der 1990er Jahre auf offensichtliche Manipulation und wandte vermehrt versteckte Techniken an. Das Unternehmen sah sich gezwungen, die Sendezeiten für die Wahlkampfkampagnen gerechter zu verteilen, um nicht gänzlich an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Berichterstattung hat sich seit den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1988 deutlich geändert.

Widmeten die elektronischen Medien, d.h. Televisa und das staatliche Imevisión, damals noch etwa 90 Prozent der Wahlsendezeiten der PRI, waren es sechs Jahre später nur mehr knapp über 30 Prozent. Die neue Linie des Medienkonzerns setzte sich auch bei den Präsidentschaftswahlen 2000 fort, bei denen die PRI erstmals nach 71-jähriger Herrschaft von der rechtskonservativen PAN unter Vicente Fox abgelöst wurde.

Dieser gewann die Wahl jedoch nicht nur wegen der höheren Medienpräsenz, sondern auch aufgrund einer gewissen Aufbruchstimmung in der mexikanischen Bevölkerung, die eine Veränderung der erstarrten politischen Landschaft anstrebte. Televisa sah diesen Umbruch offenbar voraus und vergab mehr Sendezeit an die voraussichtliche Nachfolgepartei PAN.

Ein weiteres extremes Beispiel für den politischen Einfluss auf die monopolisierte Medienindustrie ist die Situation im zentralamerikanischen Staat Guatemala, wo alle offenen Fernsehkanäle einem einzigen Geschäftsmann gehören. Die Erfolgsstory hat hier ebenfalls mit der engen Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungsparteien zu tun.

Die Nachrichtensendungen werden ständig zu Gunsten der Herrschenden manipuliert. Neben den vier offenen TV-Kanälen verfügt der Monopolinhaber Remigio Ángel Gonzáles über 30 Radiostationen, Kinosäle und eine Restaurantkette. Zudem besitzt er 20 weitere Fernsehkanäle in anderen Staaten Lateinamerikas, darunter die Dominikanische Republik, Ecuador, Brasilien, Paraguay, Chile, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica.

Lateinamerikas Medienkonzerne können sich mit ihrem Umsatz durchaus mit US-amerikanischen oder europäischen Unternehmen messen und sind auch durch ihre internationale Präsenz von Bedeutung. So zählen die Riesen Televisa in Mexiko und Rede Globo in Brasilien mit 60 bis 80 Millionen ZuseherInnen täglich zu den meist rezipierten kommerziellen Netzwerken der Erde.

Während sich der brasilianische Globo-Konzern vornehmlich auf den nationalen Markt konzentriert, versucht das mexikanische Televisa weltweit in die hispanischen Märkte einzudringen. Derzeit exportiert der Konzern seine Programme in 55 Länder und ist somit das größte spanischsprachige Medienunternehmen der Welt.

Foto: Reuters/Televisa
Televisa-Produktion "El Chavo del Ocho"

Das Profil des Konzerns hat mittlerweile Züge eines transnationalen Medienunternehmens angenommen. Die Integration erfolgt sowohl vertikal als auch horizontal. So kontrolliert Televisa den mexikanischen Fernsehsektor von der Produktion der Programme bis hin zur Distribution in ausländische Märkte. Die horizontale Eingliederung erfolgt durch den Erwerb von Aktien anderer Medienkonzerne in den USA und in Lateinamerika.

Die globalen Geschäfte zählen zu den profitabelsten des Konzerns. Der größte Umsatz wird mit den zahlreichen lateinamerikanischen ImmigrantInnen in den Vereinigten Staaten erzielt. Hier gründete Televisa die SIN (Spanish International Network), ein Netzwerk für spanischsprachiges Fernsehen, welches später in Univisión umbenannt wurde und heute nicht nur im Fernsehbereich, sondern auch im Musikgeschäft und Verlagswesen agiert und 80 Prozent der "Hispanos" erreicht. In Lateinamerika kaufte Televisa Fernsehstationen, Radiosender, Zeitungen, Zeitschriften und sogar Satelliten an. In Chile erwarb Televisa 49% von Megavisión, eine der beiden privaten Fernsehketten des Landes.

Im Nachbarland Argentinien unterzeichnete Televisa-Eigentümer Azcárraga ein Abkommen mit dem staatlichen Unternehmen ATC (Argentina Televisora Color) zum Programmaustausch und zur Durchführung von Koproduktionen. Zudem gründete der Konzern die Tochtergesellschaft Televisa Argentina, um einen fixen Stützpunkt im Süden des Kontinents zu schaffen. Ferner hält der Konzern Anteile am uruguayanischen Canal Montecarlo, am brasilianischen Canal 11 und an Venevisión in Venezuela.

Televisa hat sich zu einem effizienten transnationalen Unternehmen entwickelt, welches die kulturelle Präsenz Mexikos im Ausland aufrecht erhält, auch wenn das vermittelte Bild des Landes von der Realität oft sehr weit entfernt ist.

In diesem Sinne berichtet die mexikanische Zeitschrift El Proceso: "Es ist nicht zu bezweifeln, dass Azcárraga Mexiko liebte, aber ein spezielles Mexiko: das Land der Weißen, das Land, in dem die einzigen bewundernswerten Indios die Olmekenköpfe sind, die auch im Metropolitan Museum von New York ausgestellt werden können. Azcárraga versagte, den Mexikanern als mestizisches Volk Aufmerksamkeit zu schenken. Sein canal de las estrellas rühmte die hübschen Blondinen und diskriminierte die dunkelhäutigen Mexikaner. Er verbannte die Armut vom Bildschirm und verkaufte dem Fernsehpublikum ein eintöniges Mexiko voll von edlen und ergebenen Arbeitern."

Foto: AP
Mariana Levy in einer Televisa-Produktion

Brasilien und Mexiko gehören zu den wenigen Ländern, die im Mediensektor die Import-Abhängigkeit von den USA durchbrechen konnten und ihre selbst produzierten Programme auch in das restliche Lateinamerika exportieren.

Auch Kolumbien, Venezuela und Chile vertreiben heute Eigenproduktionen in andere Länder Lateinamerikas. Diese Länder verfügen über eine vitale Filmindustrie. Die restlichen Nationen sind aufgrund ihrer schwachen wirtschaftlichen Lage oder geringer Einwohnerzahl nicht im Stande, große Investitionen in eine nationale Fernsehindustrie zu tätigen.

Trotz der lebendigen Medienlandschaft in Lateinamerika kann der latente US-amerikanische Einfluss nicht vermieden werden. Die USA benutzen die Medien, um ihre Interessen und ihre Ideologie auch außerhalb ihrer Grenzen zu verteidigen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der mediale Kampf gegen den links orientierten venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez.

Foto: Reuters
Das Redaktionsgebäude des venezolanischen TV-Senders Venevision ist mit Stacheldraht verbarrikadiert, weil die Geschäftsführung Angriffe fürchtet. Unterstützer Präsident Chávez´ werfen dem Sender vor, Berichte manipuliert zu haben.

Teile der rechten Medien in den USA setzen sich für einen Angriff auf Chávez ein. US-Medien wie die Washington Post, die New York Times und die Agentur Associated Press unterhalten zahlreiche Korrespondenten in Caracas, die die Kampagne gegen den Präsidenten medial unterstützen.

Foto: Reuters
Der venezolanische Medienmogul Gustavo Cisnero ist ein enger Freund der Familie Bush

In Venezuela werden die Medien von Gustavo Cisneros dominiert, welcher mit seinem Netzwerk Venevisión das venezolanische Fernsehen beherrscht. Er gilt als führender Chávez-Gegner. Neben der Kooperation zwischen lateinamerikanischen und US-amerikanischen Medien stammen zudem viele der empfangbaren Kanäle direkt von US-Sendern.

Vor allem in Mexiko hat sich der Zufluss an US-amerikanischen Programmen seit dem Zustandekommen des NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen, am 1. Jänner 1994 in Kraft getreten) verstärkt. Doch bereits vorher wurde das mexikanische Fernsehen von US-amerikanischen Programmen überflutet: etwa 20 Prozent der Sendungen stammten von Medienunternehmen aus den USA. Heute liegt dieser Anteil zwischen 33 und 62 Prozent. KritikerInnen der neuen Weltinformationsordnung konstatieren, dass diese Entwicklung einen Verlust an Identität und kulturellem Erbe zur Folge hat.

Die einzelnen Fernsehformate betreffend, dominieren die Importe kostenaufwendiger Programme wie Kinofilme, Telenovelas, Serien und Zeichentricksendungen. Zu beachten ist, dass trotz des US-amerikanischen Einflusses etwa 30 Prozent der importierten Programme in Lateinamerika vom eigenen Subkontinent stammen. Der intraregionale Handel von Medienprodukten zwischen den einzelnen Staaten ist trotz seiner langsamen Entwicklung von großer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der lateinamerikanischen Identität.

Ingrid Haslinger studierte Publizistik, Kommunikations-
wissenschaft und Spanisch in Salzburg und schrieb ihre Diplomarbeit zum Thema Medienglobalisierung in Lateinamerika am Beispiel Televisa. Derzeit ist sie in der Tourismusbranche mit Schwerpunkt Lateinamerika tätig.


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