U2 in Wien: Überzeugungstäter ohne Berührungsängste

9. Juli 2005, 20:35
89 Postings

Nur wenige Stunden nach ihrem Auftritt bei "Live 8" in London gastierte U2 im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion - und umarmten von Wien aus weiter die Welt

Wien - Zu den Klängen des nach dem Himmel greifenden Songs Wake Up von The Arcade Fire betraten sie die Bühne: The Edge, mit seinem obligatorischen Hauberl so etwas wie das Maskottchen der Band, Larry Mullen Jr. mit der Schlurffrisur, dann Adam "der Graue" Clayton - und Bono. Zusammen ergibt das U 2, eine der erfolgreichsten Rockbands des Planeten, die am Samstag im Ernst-Happel-Stadion zu einer binnen Stunden ausverkauften Audienz bat.

Rund 55.000 Fans folgten der Einladung, um gleich mit "Unos! Dos! Tres! Catores!" in den ersten Song gehetzt zu werden. In jenes Stück, das der laufenden Welttournee der vier Iren ihren Namen gab und gleichzeitig das aktuelle Album How To Dismantle An Atomic Bomb eröffnet: Vertigo.

Apropos Schwindelgefühl: Ebenso rastlos stürmten U 2 durch die darauf folgenden Songs I Will Follow und The Electric Co., die bereits den bekannten Sound des Quartetts auf den Punkt brachten: flirrende Gitarren, marschierende Rhythmen und Bonos meist zwischen Flehen und bitteren (An-)Klagen pendelnde Kopfstimme. Bis Elevation dauerte es, bis der als Paul Hewson geborene Frontmann erstmals in richtigen Kontakt mit seinem Publikum trat: "Dance with me", forderte er - um dann, grinsend, "a married Rockstar with the people of Vienna" nachzureichen.

Das ging dem an dieser Stelle ohnehin bereits überzeugten Publikum natürlich runter wie warmer Honig. Ebenso New Years Day, bei dem man sich langsam fragte, wann denn Bono endlich zum pädagogisch wertvollen Teil schreiten würde. Wie bestellt glitt er dabei in Sgt. Peppers Lonely Heartclub Band ab. Jenen Song, den er ein paar Stunden zuvor in London mit einem der beiden dem Urheber, Paul McCartney, bei "Live 8" gesungen hatte. Dabei begann er gleich über die Maßen zu menscheln: Seine brechende Stimme konnte nur noch ein satter Huster ins Stadionoval reparieren - das brach den Damm.

Es folgte I Still Haven't Found What I Was Looking For. Ein Song, den U 2 nun auch schon länger im Repertoire führen und der wohl Metapher für einen immer noch vorhandenen Hunger, eine immer noch bestehende Neugierde sein soll. Rein musikalisch wird dieses Sehnen allerdings schon lange nicht mehr gesättigt. Gerade live zeigte sich drastisch, wie wenig variantenreich die U 2-Musik ist. Auch wenn The Edge die Gitarre kurz verlässt, um ans Klavier zu wechseln oder - wie bei City Of Blinding Lights - Slide spielt: Die Ergebnisse klingen fast immer gleich.

Auch inhaltlich tritt die vor rund 25 Jahren gegründete Band am Stand. Persönliche Betrachtungen und politische Ansichten vermischt Sprachrohr Bono zu einer längst das Wesen der Band prägenden Identität. Dafür werden sie von vielen verehrt, von anderen ob ihrer Naivität milde belächelt. Denn Bono und seine Kumpels sind fest vom Veränderungspotenzial ihrer Musik überzeugt.

Berührungsängste kennt einer, der in dieser Mission beständig die Großen der Welt umarmt, naturgemäß nicht. Das führt dazu, dass er bisweilen weit übers Ziel hinausschießt, seine Überzeugungstäterschaft oftmals als hohle Geste erscheint, die dringend etwas konstruktive Kritik von außen bräuchte.

Scham ohne

Nach dem Bandklassiker Sunday Bloody Sunday kniete Bono in der aktuellen Aufführung von Bullet The Blue Sky deshalb auch ohne Scham in Kriegsgefangenenpose, die Augen mit einem Tuch verbunden. Auf diesem waren die Religionssymbole Halbmond, Davidstern und Kreuz zu sehen. Diese drei wurden gleich darauf auf der riesigen Videowall zu dem Aufruf "CoeXisT" verbunden, wobei Ersteres das "C", das Zweite das "X" sowie Drittgenanntes das abschließende "T" bildete.

Dass kurz darauf auch noch schnell die Menschenrechtserklärung verlesen wurde - Hey!, wir sind hier immerhin bei U 2!

Neben all dieser tranigen und triefenden politischen Bildung für die ganze Familie muss man der Band allerdings auch zugute halten, dass sie stellenweise ordentlich Druck erzeugen konnte. Die infernalische Version von Love And Peace Or Else vom aktuellen Album allem voran: Darin stellte sich Bono am Schluss selbst ans Gerät und hieb diese heftig perkussiv zementierte Nummer zu ihrem überzeugenden Schluss.

Dafür beendete eine hölzerne Version der Ballade One das reguläre Set, dem noch eine Hand voll Zugaben folgte. Nach einer finalen Reprise von Vertigo wurde ein gut mit Adrenalin versorgtes Publikum in die Nacht entlassen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.7.2005)

Von
Karl Fluch
  • Berührungsängste kennt einer, der in dieser Mission beständig die Großen der Welt umarmt, naturgemäß nicht. U" wenige Stunden nach ihrem Auftritt bei "Live 8" in London im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion
    foto: christian fischer

    Berührungsängste kennt einer, der in dieser Mission beständig die Großen der Welt umarmt, naturgemäß nicht. U" wenige Stunden nach ihrem Auftritt bei "Live 8" in London im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion

Share if you care.