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1. Juli 2005, 21:33
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"Who's Who" von Boris Eifman beim Tanzsommer Graz

Graz - Zum Auftakt des Grazer Tanzsommers ein Stück des bekannten russischen Choreografen Boris Eifman zu bringen, ist eine passende Idee. Das 2003 in New York uraufgeführte Spektakel Who's Who erzählt eine - entfernt - von Billy Wilders Film Some Like it Hot inspirierte Geschichte über russische Emigranten, die versuchen, im Big Apple Fuß zu fassen.

Spätestens seit Eifman die Tanzeinlagen für das Neujahrskonzert 2004 choreografiert hat, ist er auch in Österreich ein Begriff. Who's Who stellt sich in der Grazer Oper als routinierte Populärkomödie vor. Das Publikum kann sich hübschen Tanz und berühmte Jazzmusik in Augen und Ohren flattern lassen. Die Tänzerinnen und Tänzer des "St. Petersburger Ballett-Theaters Boris Eifman" machen ihren Job gut.

Wera Arbusowa ist als weibliche Hauptfigur beinahe hinreißend. Und das Beinahe ist ein wesentliches Charakteristikum in allen 26 Szenen dieses Zweiakters. Die Darsteller können bei aller Anstrengung nur in freundlicher Reserve bleiben, weil sich die Choreografie permanent in flachen Floskeln verliert. Boris Eifmann hat bunte Leere gestrickt. Das Stück legt nahe, dass Boris Eifman gar nicht Boris Eifman ist, sondern bloß ein Wiedergänger, der vorgibt, eine der entzückendsten Komödien der Filmgeschichte zu vertanzen.

Eifman ist eine Marke, hinter der sich ein serviler Etikettenträger verbirgt. Dieser hat nicht begriffen, dass der Trick des "Vertanzens" faul ist, weil der Tanz eine andere Erzählkapazität besitzt als Literatur, Film oder Theater. Großartig an Stücken wie diesen ist - ganz im Ernst - ihr Auditorium, das im Lärm der Leere immer wieder einen Sinn findet, ihn mit seiner Fantasie füllt. Das funktioniert auch hier nur über die Vermittlung der bereitwilligen Tänzer, die ihrem Publikum an Konstruktivität doch kaum nachstehen.

Das Entertainment nutzt die Inspirationen seiner Konsumenten zur Befüllung des eigenen Vakuums, saugt wie eine Gelse an den Gemütern seiner Besucher. Nach Ende der Vorstellung hinterlässt es ein leicht berauschtes Gefühl. Das Publikum beklatscht sich selbst und hat - in Abwandlung von Roland Barthes' Überlegungen zum "Tod des Autors" - seinen Eifmann gekillt. Und weil dieses schöpferische Umbringen so herrlich ist, geht man auch das nächste Mal wieder hin. Daher können Marken wie Boris Eifman mitsamt ihren Vertriebssystemen wie dem Tanzsommer Graz so verlockend gruselig weiterleben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.7.2005)

Von Helmut Ploebst
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