Gigantisches botanisches Potenzial liegt brach

3. Juli 2005, 19:17
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Wissenschafterin der TU-Wien machte größte Inventur historischer Gärten in Österreich

Jedermann, der reinlich gekleidet ist und nicht bettelt", durfte bereits um 1712 die fürstlich Liechtensteinischen Gartenanlagen in Wien betreten. "Das zeigt uns, dass damals herrschaftliche Schlossparks auch für das Volk und Reisende offen waren. Dasselbe galt im Übrigen auch für die kaiserlichen Gärten der Stadt." Die Wissenschafterin Eva Berger machte im Zuge ihrer Recherchen über historische Gärten in Österreich diese und weitere Entdeckungen. Zum Beweis zeigt sie auf die Schönbrunn-Vedute von Bernardo Bellotto (1759 / 60), in der das Schloss von der Gartenseite aus gezeigt wird. Im Bildvordergrund sind neben Gärtnern und adeligen Angehörigen des Hofes auch Reisende und einfaches Volk an ihrer Kleidung zu erkennen. Halb im Schatten findet sich eine einfache, "reinlich gekleidete" Frau. Sie hält ein Kind im Arm, ein größeres steht neben ihr.

Was nun Eva Berger betrifft, so befasste sich die Professorin für den Fachbereich Landschaftsplanung und Gartenkunst am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen und Gartenkunst an der Technischen Universität Wien für eine Forschungsarbeit sehr intensiv mit historischen Gärten. Das vom Wissenschaftsfonds geförderte Projekt erfasste nach über 15 Jahren Recherche und Besichtigungen mehr als 1750 historisch bedeutsame Grünanlagen in Österreich. Das Ergebnis fand seinen Niederschlag in drei ziegeldicken Bänden Historische Gärten Österreichs. Garten- und Parkanlagen von der Renaissance bis um 1930, die im Böhlau Verlag erschienen sind. Gedacht ist dieses große Inventar, das Erstinformationen zur Sicherung und Erhaltung der historischen Gärten liefert, vor allem als Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten.

Angefangen hatte alles mit einem Symposion zum Thema Gartenkunst in Österreich. Hierbei stellte man fest, dass ein Inventar der historischen Gärten überhaupt fehlte. Ralph Gälzer, damals Professor am Institut für Landschaftsplanung und Gartenkunst der TU-Wien, und Friedrich Woess, Professor für Landschaftsgestaltung und Gartenbau an der Universität für Bodenkultur Wien, ergriffen daraufhin die Initiative und reichten 1982 beim FWF um Förderung ein. Als Mitarbeiterin stieß 1984 Eva Berger dazu. Sie hatte in Wien und Hamburg Kunstgeschichte und Geschichte studiert und habilitierte sich schließlich 2001. Seither ist sie am einzigen an einer österreichischen Universität existierenden Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen als außerordentliche Professorin tätig.

Das kleine Team begann mit der Festlegung der Kriterien für die Auswahl der Objekte - Klostergärten, Schlossgärten, botanische Gärten und Lehrgärten, Gärten und Parks zu Siedlungen, sogar zu Ein- und Mehrfamilienhäusern, weiters Grünflächen für sportliche Tätigkeiten, zur Erholung und zur Freizeitgestaltung. Es wurden schriftliche Originalquellen, Pläne und eventuell vorhandene Sekundärliteratur studiert, zuletzt vor Ort jeweils der Istzustand erhoben und dieser fotografisch dokumentiert. Eva Berger empfindet heute noch ihre Recherchen im Grünen als aufregend, denn sie war oft die erste Fremde, die einen privaten Garten nach langer Zeit betreten durfte. Leider waren dem Inventarisierungsprojekt Grenzen finanzieller, personeller und quantitativer Natur gesetzt. Das Thema Kirchengärten und Kirchfriedhöfe musste ausgeklammert werden. Gerne wäre man mit der Erfassung der Gartenanlagen zumindest bis in die 60er- oder 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts gekommen. Vielleicht wäre es dadurch leichter gewesen, auf ein schützenswertes Beispiel aufmerksam zu machen, das gerade neu gestaltet wird. Der Arkadenhof der Wiener Universität war bis jetzt ein schönes Beispiel der Arbeit des Mentors des Projektes, des Gartenarchitekts Josef Oskar Wladar.

"Historische Gärten sind", betont Autorin Berger, "ebenso wie Bauwerke, von Menschen geschaffene Kunstwerke, unterscheiden sich dabei aber grundlegend voneinander." Ein Garten ist Ausdruck geordneter Natur, besteht einerseits aus künstlichen, anorganischen Elementen - etwa gepflasterten Wegen, Beeteinfassungen, Gartenarchitektur und Ähnlichem - sowie andererseits aus natürlichen, organischen, lebendigen, vergänglichen Gestaltungsmitteln, den Pflanzen, die wachsen, altern und wieder absterben. Werden sie sachgemäß gepflegt, können sie weiter bestehen, beziehungsweise sie können durch Neupflanzungen wiedererstehen. Das ideale Ergebnis ist ein Gesamtkunstwerk, das alle vier Elemente einsetzt, Raum und Zeit einschließt und die fünf Sinne des Menschen gleichzeitig anspricht.

Während im angelsächsischen Raum, in den Niederlanden, Belgien und Deutschland das Bewusstsein für den kulturellen Wert von historischen Garten- und Parkanlagen bei der Bevölkerung stark verankert ist und die öffentliche Hand deren Erhalt finanziell unterstützt, befindet man sich in Österreich noch regelrecht in den Kinderschuhen. Nur wenige wissen etwa, dass die Harrach'schen Glashäuser von Bruck an der Leitha für ihre botanischen Raritäten bis England bekannt waren und heute zu den 56 vom Bundesdenkmalamt geschützten Anlagen gehören. Damit sich die Situation allmählich ändert und das Bewusstsein der Österreicher für die zum Teil unerkannten Schönheiten dieses kulturellen Erbes geweckt wird, wurde das Projekt ins Leben gerufen. Besser wäre es allerdings gewesen, hätte man es bereits in den 1960er-Jahren durchgeführt. Der Zustand einiger Gärten war vor rund vier Jahrzehnten noch besser, einige sind mittlerweile unwiederbringlich verloren, bis zur Unkenntlichkeit verändert oder parzelliert. "Die Gemeinden wissen häufig nicht, dass ein Garten schützenswert ist. Oft sind 80 bis 85 Prozent eines ehemaligen großen Gartens parzelliert worden", sagt Berger. Etwa Schönau an der Triesting. Es ist zwar denkmalgeschützt, weil mit interessanter Gartenarchitektur aus dem 18. Jahrhundert (Tempel der Nacht) gesegnet, aber es gehört drei Besitzern. Abschließend meint die Expertin: "Es wäre schön, wenn die Österreicher sich endlich bewusst würden, was für ein tolles Potenzial in diesem Land brachliegt" und weist auf den Segen einer gelungenen touristischen Nutzung hin: "Grafenegg ist hier ein positives Beispiel aus den 1980er-Jahren." (Gabriela Martinkowic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 6. 2005)

Eva Berger: Historische Gärten Österreichs. Garten- und Parkanlagen von der Renaissance bis um 1930. Bände 1-3
€ 207. Böhlau Verlag, Wien.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Kronprinzengarten vor dem Schloss Schönbrunn

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