Wegen Türkei-Staudamm am Pranger

12. Juli 2005, 15:29
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Im Herbst soll der Bau des Staudamms Ilisu im Kurdengebiet starten. Hauptlieferant ist die VA Tech, Kraftwerksgegner erhöhen den Druck auf beteiligte Firmen - Mit Infografik

Die Türkei will mit dem Bau des Staudamms Ilisu im Kurdengebiet im Herbst starten. Hauptlieferant VA Tech will noch auf ein neues Gutachten warten. Kraftwerksgegner versuchen jetzt, da die Türkei in die EU will, den Druck auf die beteiligten Firmen in Österreich zu erhöhen

Wien – Die Gegner des Megastaudamm-Projekts Ilisu in der Südosttürkei (siehe Grafik) nutzen in Zeiten heftiger Diskussionen über einen möglichen EU-Betritt des Landes die Gunst der Stunde. Sie lobbyieren wieder heftiger gegen das Projekt in Europa. Nach Gesprächen in Brüssel, Berlin und Zürich kamen die Aktivisten am Donnerstag auf Einladung von ECA Watch (eine NGO, die die Vergabe von Exportkrediten überwacht) auch nach Wien, um Politiker hier zu Lande von ihrer Sache zu überzeugen. Das Kalkül: Auf den Kraftwerksbauer VA Tech, den Hauptlieferanten des türkischen Staates beim Staudamm-Projekt, soll der öffentliche Druck erhöht werden. Der größte österreichische Baukonzern Strabag ist darüber hinaus über die deutsche Neuerwerbung Züblin indirekt betroffen, die seit 2004 auch Mitglied des Ilisu-Konsortiums ist.

200 Ortschaften betroffen

"Laut jüngsten Studien der türkischen Wasserbehörde sind 200 Ortschaften vom Staudamm betroffen, sie werden zumindest teilweise überflutet", sagt Handan Coskun von Dikasam, einer Beratungsstelle für vertriebene Frauen in Diyarbakir, der Metropole der Region, "zwischen 60.000 und 80.000 Menschen müssten umgesiedelt werden." Dies würde vor allem jene Städte treffen, wohin die Ansiedler ziehen müssen. Soziale Spannungen seien programmiert – beispielsweise liege die Arbeitslosigkeit in der vom Konflikt zwischen Staat und kurdischen Separatisten geplagten Region jetzt schon bei 70 Prozent.

Weiterer Kritikpunkt ist, dass die 10.000 Jahre alte Stadt Hasankeyf überflutet werden würde. "Es gibt Alternativen – etwa dass drei Staudämme gebaut werden oder dass die Stauwand um 35 Meter niedriger angesetzt wird", so Arif Aslan zum STANDARD. Der Zeitungsjournalist ist Chef des Hasankeyf-Komitees.

Geopolitisch ist das Gebiet an der syrischen und irakischen Grenze überaus brisant. Nicht zuletzt stehe deswegen auch das mächtige türkische Militär hinter dem Projekt, da die Wasserversorgung in Konflikten mit den Nachbarn durch diese Tigris-Sperre als Waffe eingesetzt werden könnte, so die Aktivisten.

"Alte Leitungen"

Energiepolitischer Hintergrund: Dem Schwellenland Türkei werden immense Energiebedarfszuwächse in den kommenden Jahren prognostiziert. Özgür Gürbüz von Greenpeace dazu: "Das Leitungssystem in der Türkei ist so veraltet – die Regierung hat sogar zugeben, dass dadurch 21 Prozent der erzeugten Energie verloren gehen. Andere Schätzungen gehen bis 30 Prozent." Mit einer Sanierung könnten "zwei, drei Staudämme eingespart werden".

VA-Tech-Sprecher Harald Hagenauer sagt zum STANDARD, man habe in der Türkei bereits bei zwei Kraftwerken die Erfahrung gemacht, dass die Behörden "mittlerweile nach OECD-Richtlinien arbeiten". Die VA Tech warte jetzt auf ein neues Umweltgutachten. Dieses soll im Herbst veröffentlicht werden. "Dann werden wir entscheiden, wie es weitergehen soll." Allerdings ist die Kraftwerkssparte Hydro ein Verkaufskandidat in der VA-Tech-Gruppe, die vom Siemens-Konzern geschluckt worden ist. Offen ist, wie neue Eigentümer – interessiert sind Industrielle wie Stefan Pierer und Mirko Kovats – mit Anprangerungen umgehen werden. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2005)

  • Lobbyieren auch in Wien: Vertriebenenberaterin Handan Coskun (li.), Aktivistin Didar Can und Arif Aslan vom Komitee zur Erhaltung der historischen Stätten von Hasankeyf.
    foto: standard/fischer

    Lobbyieren auch in Wien: Vertriebenenberaterin Handan Coskun (li.), Aktivistin Didar Can und Arif Aslan vom Komitee zur Erhaltung der historischen Stätten von Hasankeyf.

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