ATX bei 3000: Die Luft wird dünn

12. Juli 2005, 12:04
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Kursgewinne in den vergangenen 18 Monaten von mehreren Hundert Prozent waren kein Druckfehler, und der ATX hat sich verdoppelt - Doch wie geht es jetzt weiter?

Wien - Der ATX bei 3000 Punkten: Irgendwie ungewohnt, nachdem er über viele Jahre zwischen 1000 und 1500 Punkten pendelte und vor ziemlich genau einem Jahr erstmals die Marke von 2000 Punkten erreichte.

Die ihm zugrunde liegenden Unternehmen haben teilweise noch viel kräftiger zugelegt, und für nicht wenige Anleger stellt sich die Frage, wie es jetzt weitergeht.

Einerseits warnten schon vor einem Jahr viele Analysten davor, noch einzusteigen. Wer ihnen glaubte, hat einige große Chancen vergeben. Andererseits haben die Kurse der Wiener Schwergewichte wie OMV, Erste Bank, BA-CA, Verbund oder Telekom Austria ein Kursniveau erreicht, das auch im internationalen Vergleich schon ziemlich hoch ist.

Wien vor Frankfurt

Gemessen an den Unternehmensgewinnen liegt Wien beispielsweise schon vor Frankfurt: Dort beträgt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis im Leitindex DAX rund 15, in Wien aber bereits 17.

Bei einem Vergleich der Buchwerte zum Kurs sieht man, dass die deutschen Kurse fundamental besser abgesichert sind: Das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt in Deutschland bei 1,5, in Wien hingegen schon bei 2,5 und nähert sich US-Verhältnissen: Im Dow Jones Industrial liegt die durchschnittliche Bewertung hier bei 3, während die wichtigsten Unternehmen Europas im Stoxx 50 auf 2,3 kommen.

Damit ist zumindest eines klar: Schnäppchen sind in Wien unter den großen Aktien keine mehr zu finden, auch wenn beispielsweise die OMV trotz ihrer Kursverdreifachung noch immer ein KGV von zehn bis elf hat.

Osteuropa als Motor

Analysten sehen vor allem die gute Positionierung heimischer Unternehmen in den Wachstumsregionen in Zentral- und Osteuropa als Motor der anhaltenden Rekordjagd.

"Gerade die Positionierung in Osteuropa hat Österreich sehr gut getan", erklärt Claudia Vince-Bsteh, Analystin bei der Raiffeisen Centrobank (RCB), im Gespräch mit der APA. Vor diesem Hintergrund zeigen auch ausländische Investoren ein starkes Interesse an Austro-Aktien, so die Expertin.

Auch die Experten der Erste Bank führen die starke Kursentwicklung der Wiener Börse vor allem auf die "Ostfantasie" heimischer Aktien zurück. Am Donnerstag stieg der Wiener Leitindex ATX wie berichtet im Handelsverlauf erstmals in seiner Geschichte über die Marke von 3000 Punkten und markierte bei 3001,23 Zählern ein neues Allzeithoch.

23 Prozent Plus seit Jahresanfang

Seit Jahresbeginn hat der Index damit bereits gut 23 Prozent zugelegt. Für die RCB-Analysten kommt vor allem das Tempo dieser Kursrally überraschend. Sie habe die 3000-Punkte-Marke ursprünglich erst für das Ende des Jahres erwartet, so Vince-Bsteh. Wegen mehrerer unvorhersehbarer Sonderfaktoren sei die Dynamik der Kursrally zuletzt deutlich stärker geworden.

Als Beispiel nennt Vince-Bsteh die geplante Übernahme der BA-CA-Mutter HypoVereinsbank durch die italienische UniCredit. Vor dem Hintergrund der Ostpositionierung und des Zusammengehens mit den Italienern hat die BA-CA-Aktie heuer bereits rund 30 Prozent zugelegt.

Weitere Steigerung möglich

Die Analysten der Erste Bank räumen dem Wiener Markt nach der jüngsten Rally noch weiteres Steigerungspotenzial ein. Erste-Chefanalyst Friedrich Mostböck nannte vor einer Woche ein Jahresend-Kursziel von 3150 Punkten für den ATX.

Was für Anleger bedeutet: Wer noch keine Aktien hat, sollte lieber für einen Einstieg auf die nächste Korrektur warten, denn nach oben wird die Luft bereits etwas dünn. (Michael Moravec, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.06.2005)

  • Kapitalmarktbeauftrager Richard Schenz, Börsevorstände Stefan Zapotocky und Michael Buhl, Finanzminister Karl-Heinz Grasser (v. li.): Sekt für 2000 ATX-Punkte im Juli 2004, auf 3000 Punkte im Juni 2005. Folgen 4000 Punkte 2006?
    foto: der standard/christian fischer

    Kapitalmarktbeauftrager Richard Schenz, Börsevorstände Stefan Zapotocky und Michael Buhl, Finanzminister Karl-Heinz Grasser (v. li.): Sekt für 2000 ATX-Punkte im Juli 2004, auf 3000 Punkte im Juni 2005. Folgen 4000 Punkte 2006?

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