Seit Jahrhunderten kämpft Moskau im Kaukasus

6. Juni 2000, 08:33

Zwei Kriege unter der Herrschaft Jelzins

Moskau/Wien - Die Ausdehnung des russischen Reiches in den Kaukasus machte schon dem Zarismus ernste Schwierigkeiten. Eine endgültige Absicherung der Macht Russlands über die unwegsamen Hochgebirgsgebiete gelang nie vollständig. Bei jeder Desintegration der Zentralmacht traten umgehend separatistische Kräfte auf. Im Folgenden eine Chronologie des seit Jahrhunderten konfliktreichen Verhältnisses:

1722: Erster Vorstoß des Russischen Reiches in den Kaukasus unter Zar Peter dem Großen; Eroberungen im heutigen Dagestan; Beginn 150-jähriger Kämpfe.

1864: Russische Armee meldet Eroberung des Kaukasus, einzelne Widerstandsnester bleiben aber aktiv.

Oktober 1991: Der ehemalige General der Roten Armee, Dschochar Dudajew, wird nach der Spaltung zwischen Tschetschenien und Inguschetien zum Präsidenten Tschetscheniens gewählt und verkündet die Unabhängigkeit; Moskau weist dies zurück; keine internationale Anerkennung der Unabhängigkeit Tschetscheniens.

Dezember 1994: Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien; Beginn schwerer Kämpfe, die offiziell zwischen 40.000 und 60.000 Menschenleben fordern (Schätzungen reichen bis zu 100.000 Toten), die Kaukasusrepublik weitgehend zerstören und bis in das Jahr 1996 dauern; die russische Armee kann sich nicht durchsetzen.

April 1996: Dudajew fällt einem russischen Raketenangriff zum Opfer.

31. August 1996: Der Chef des russischen Sicherheitsrates, General Alexander Lebed, schließt mit der tschetschenischen Führung ein Abkommen zu Beendigung der Kämpfe, den russischen Rückzug und über eine endgültige Regelung des Status von Tschetschenien nach einer Übergangszeit von fünf Jahren.

Jänner 1997: Die letzten russische Truppen verlassen Tschetschenien; in der Kaukasusrepublik brechen Differenzen zwischen einzelnen Clans sowie zwischen gemäßigteren und radikalen Kräften auf; zahlreiche Entführungen und Lösegeld-Erpressungen, der Wiederaufbau bleibt in den Anfängen stecken.

12. Mai 1997: Russlands Präsident Boris Jelzin und der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow unterzeichnen ein Friedensabkommen, der endgültige Status von Tschetschenien bleibt ungeklärt.

August 1999: Militante tschetschenische Rebellen erobern Dörfer im benachbarten Dagestan und wollen eine "Islamische Republik" im Kaukasus ausrufen.

September 1999: Eine Serie schwerer Explosionen erschüttert Russland, zwei Häuser in Moskau werden durch Bomben zerstört, insgesamt werden fast 300 Menschen getötet; die russische Führung und Öffentlichkeit machen tschetschenische "Terroristen" verantwortlich.

Oktober 1999: Russland greift unter der Leitung von Ministerpräsident Wladimir Putin in Tschetschenien ein, zunächst mit der Luftwaffe, dann auch mit Bodentruppen; die so genannte "Spezialoperation zur Bekämpfung des Terrorismus" macht zuerst rasche Fortschritte; Gesprächsangebote Maschadows werden von Moskau abgelehnt.

21. Oktober 1999: Ein Raketenangriff auf Grosny fordert bis zu 140 Tote.

12. November 1999: Russische Truppen nehmen die zweitgrößte Stadt Tschetscheniens, Gudermes, ein.

18. November 1999: In der Schlußerklärung des OSZE-Gipfels von Istanbul anerkennt Russland die Notwendigkeit einer politischen Lösung für Tschetschenien, macht aber umgehend klar, dass man weiterhin Verhandlungen mit der tschetschenischen Führung und eine internationale Vermittlung ablehnt.

25. Dezember 1999: Beginn des Sturms auf Grosny, wo einige Tausend Tschetschenen erbitterten Widerstand leisten.

6. Februar 2000: Putin erklärt Grosny nach dem Rückzug der letzten tschetschenischen Kämpfer für erobert.

13. März 2000: Der tschetschenische Feldkommandant Salman Radujew fällt in russische Hände und wird nach Moskau gebracht.

1. April 2000: Russland gesteht den Tod von mehr als 30 Elitesoldaten.

6. April 2000: Die Parlamentarische Versammlung des Europarates fordert ein Ausschlussverfahren gegen Russland nach wachsender internationaler Kritik an massiven Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. (APA)

Share if you care.