Unterm grünen Dach von Ottakring

23. Juni 2005, 18:40
18 Postings

Wiens wichtigste Radwege im großen STANDARD-Test – Hasnerstraße - hoher Zeit-Nutzen-Faktor

Die Hasnerstraße im 16. Bezirk zählt nicht nur zu den längsten, prachtvollsten Alleen Wiens - als direkte Verbindungsachse zwischen Vorstadt & City ist sie für den Radverkehr eine attraktive Route mit hohem Zeit-Nutzen-Faktor.

***

"Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade." Dieser Grundsatz der euklidischen Geometrie spielt in der modernen Radwegeplanung eine nicht unwesentliche Rolle, will man den Radleranteil im Stadtverkehr steigern.

Man hat guten Grund dazu: Gegenwärtig vollzieht sich in Fahrradkreisen ein rasanter Wandel vom Freizeitgerät zum alltagstauglichen Verkehrsmittel, und die Nachfrage nach direkten, attraktiven Strecken ist dementsprechend groß. So auch in Wien, wo ja der repräsentative Radfahrer bekanntlich besonders umwegempfindlich reagiert.

Hoher Zeit-Nutzen-Faktor

Ein Musterbeispiel für gerade Streckenführung mit hohem Zeit-Nutzen-Faktor ist die Radroute entlang der Hasnerstraße. Die Verbindungsachse zwischen Lerchenfelder Gürtel (1) und der U3-Endstelle Ottakring glänzt aber nicht nur mit einem flachen, zügig zu durchfahrenden Streckenprofil. Vielmehr sorgt die Symbiose mit der Natur für Mehrwert: Hunderte Kastanienbäume säumen die 2,2 km lange Strecke, ein durchgehendes grünes Dach über den Straßenzug bildend, das mittags für Schatten sorgt und im Regen den nötigen Schutz bietet.

Mit dieser Kulisse vor Augen radelt es sich besonders angenehm, auch wenn es im Frühverkehr zu der einen oder anderen Wartezeit an den unzähligen (insgesamt 22) Querungen kommen kann. Die Luft bleibt aber gut, der Himmel grün und die breite Straße bietet Komfort bei wenig Kraftanstrengung.

Vorbildlich gestaltete Querungen

Vorbildlich gestaltet sind auch die Querungen an verkehrsintensiven Straßen, wie etwa bei der Kirchstetterngasse (2) oder der Brüßlgasse. Poller mit rot-weißen Banderolen und Bodenmarkierungen sorgen für die nötige Verkehrssicherheit. Auch die Ausschilderung zu Ausflugszielen und Radverbindungen in der näheren Umgebung (Stadthalle, Schmelz, Hernalser Hauptstraße) ist übersichtlich angebracht.

Die ersten Schwierigkeiten stellen sich auf halber Strecke mit der Kreuzung Panikengasse (3) ein. Hier rollt Verkehr samt Bim in beide Richtungen, man braucht schon einige Zeit, um auf die Gegenseite zu wechseln. Richtig zur Sache geht es dann am Schuhmeierplatz (4). Die Querung der überbreiten Possingergasse ist Nervensache und Glücksspiel in einem. Eine schmale Verkehrsinsel gibt dann doch Zuversicht, um auf Raten den Kfz-Strom auszutricksen. Ohne Selbstbewusstsein ist man an diesem neuralgischen Punkt allerdings ein zweirädriger Niemand.

Anbindung ist gut beschildert

Hat man diese Stelle jedoch gemeistert, ist der letzte Kilometer Richtung Ottakring (5) ein Kinderspiel. Auch die Anbindung an das übergeordnete Radwegenetz ist gut beschildert und lässt besonders an heißen Sommertagen - mit dem Ottakringer Bad oder dem Kongressbad Hernals - keine Wünsche offen.

Auch ohne spektakuläre Streckenführung ist die Radroute entlang der Hasnerstraße ausgesprochen attraktiv und aufgrund ihrer leichten Befahrbarkeit auch für Gelegenheitsradler und Familien bestens geeignet. Für den Berufsradler stellt sie eine nahezu perfekte und zügig zu befahrende Anbindung zum Gürtel-Radweg und - über Pfeil- und Stadiongasse - auch zur Ringstraße dar.

Route zählt zu "Must-Sees"

Neben dem zeitlichen Nutzen besticht die Strecke durch wunderschöne alte Baumreihen und radfahrerfreundliche Infrastruktur. Zahlreiche Schanigärten, urige Wirtshäuser und Greißler, aber auch die unmittelbare Nähe zum Brunnenmarkt spiegeln das einzigartige Bezirkskolorit wieder. Die geradlinige, komfortable Route (rund ein Drittel der Hasnerstraße wurde in den letzten Jahre generalsaniert) mit durchwegs übersichtlichen Querungen der kreuzenden Straßen zählt somit zu den "Must-Sees" und Vorzeigeanlagen der Stadt Wien. (DER STANDARD - Printausgabe, 10. Juni 2005)

Von Gerd Götzenbrucker

Link

Radfahren in Wien

Nächste Woche am Prüfstand:

Laxenburg-Radweg (Argentinierstraße)

Diese Serie entsteht mit finanzieller Unterstützung der Stadt Wien
  • Artikelbild
  • Ein neuralgischer Punkt auf der Route ist die Querung der Possingergasse. Hier ist man ziemlich auf sich gestellt, einzig eine schmale Verkehrsinsel gibt Zuversicht.
    foto: standard/fischer

    Ein neuralgischer Punkt auf der Route ist die Querung der Possingergasse. Hier ist man ziemlich auf sich gestellt, einzig eine schmale Verkehrsinsel gibt Zuversicht.

Share if you care.