Vom Hungern und Völlern: "Rund um die Wurst"

18. November 2005, 15:34
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Wenn's ums Fressen und Saufen ging, waren die Wiener schon im Mittelalter ganz vorne mit dabei, wie das Wien Museum dokumentiert

Sich satt essen zu können und weit gereiste Gewürze zu verwenden galt im Mittelalter als Statussymbol. Wenn's ums Fressen und Saufen ging, waren die Wiener schon damals ganz vorne mit dabei, wie das Wien Museum dokumentiert.

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Wien - Die aktuelle Sonderausstellung ist der kulinarischen Reminiszenz der "Sinalco Epoche" gewidmet - und bei einer weiteren Schau im Wien Museum Karlsplatz geht es ab sofort "Um die Wurst. Vom Essen und Trinken im Mittelalter". "Dazwischen fehlen nur 500 Jahre", rechnet Direktor Wolfgang Kos. Doch ungeachtet dieser Zeitenferne findet Kos weit reichende Parallelen: die Zeit der Not nach dem Weltkriegsende auf der einen Seite - und auf der anderen die darbenden Menschen des Mittelalters. "Rund 80 Prozent der Bevölkerung damals hatten in ihrem Leben mindestens einmal gehungert", berichtet Kurator Reinhard Pohanka.

Kleiner Tigel Safran hatte Wert einer Kuh

Im Gegenzug dazu: die Völlerei. Hawaii-Schnitzerl und ähnlich Exotisches in den 50ern - und Gleiches im Mittelalter: "Wer sich Gewürze aus dem Orient leisten konnte, der war schon wer", so Pohanka. "Gewürze fanden sich damals sogar in Testamenten wieder." Kein Wunder, wenn ein kleiner Tigel Safran in etwa dem Wert einer Kuh entsprach.

Wiener beim Völlern

Natürlich, was Wunder: die Wiener beim Völlern ganz vorne mit dabei. Wie es etwa der Arzt Heinrich von Neustadt 1312 notierte: "Die Fresssucht hat die Oberhand gewonnen am allermeisten im Osterlande, trunken, voll und übersatt ist mancher Mann in der Wienerstadt und etliche Frau auch allda (...) Bevor sie in die Kirche geht, trinkt sie ein Kännlein und isst dazu etwa ein Huhn, damit ihr in Kopf und Magen wohl wird. Sie macht ihren Kragen feist, sodass sie pfnaust wie ein Schwein."

Ein weiterer Beleg: "Im Spätmittelalter wurden in Wien 12.000 Gulden Weinsteuer eingehoben", berichtet Pohanka, "das heißt, dass jährlich 120.000 Gulden versoffen wurden. Das war das Achtfache des Stadtbudgets."

Frauen, Baden, Essen

Oder wenn damals schon geschwärmt wurde, in Wien könne man für drei Dinge sein Geld gut ausgeben: für Frauen, täglich Baden und gutes Essen. Und sich gutes Essen, vielleicht auch Gläser aus Venedig leisten zu können, war ein wichtiges Statussymbol dieser Zeit. Natürlich nur bei der Oberschicht - nicht bei den restlichen 80 Prozent.

In der Ausstellung werden daher nicht nur damalige Lebensmittel, Gewürze und Zubereitungsarten (siehe Rezept) gezeigt, sondern auch Küchenregale nach sozialen Schichten geordnet und Tische entsprechend gedeckt.

Ein Teil widmet sich der "Latrinenarchäologie", über die man die wichtigsten Aufschlüsse der damaligen Ernährung gewann. Übrigens war auch an diesem Örtchen bereits im Mittelalter Hygiene ein Thema. Pohanka: "Aus dem ,Decamerone' von Boccaccio wissen wir, dass damals Mooszöpfe als ,der beste Arschwisch' galten, wie ,ein junges flaumiges Kücken'."

"Um die Wurst. Vom Essen und Trinken im Mittelalter." Wien Museum Karlsplatz, 2. Juni 2005 bis 8. Jänner 2006 (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe 2.6.2005)

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