Ein wahrer Freund

2. Juni 2005, 20:29
55 Postings

Sie ist das Gegenteil der Mortadella, sowohl in Form wie in Biss. Und sie ist absolut unmodern, weshalb die Kabanossi das Zeug zum Kult besitzt

Man sieht sie nicht mehr wirklich sehr oft. Schon noch ab und zu, und in den diversen Wursttheken der diversen Supermarkt-Feinkostabteilungen hat sie als fixer Bestandteil des Standard-Programms schon immer noch irgendwo ein Platzerl. Aber ich bilde mir doch ein, dass sie seltener geworden ist, und da spreche ich jetzt von der guten und wahrhaftigen Kabanossi, die da freiluftig über so speziellen Holzgestellen zum Trocknen aufgehängt wurde oder zumindest als geknicktes Bündel herumlag, nicht aber von solchen Exemplaren, die kurz-geschnitten in der Vakuumverpackung im eigenen Saft herumfettelnd auf Kunden warten müssen, die von der gemessenen Zeremonie des Kabanossi-Verzehrs keinen Schimmer haben.

Denn Kabanossi – die übrigens nicht aus Italien kommt, wie ihr Name vielleicht suggerieren mag (Menschen, die sich in derartigem Irrtum befinden, schreiben Kabanossi auch gerne mit „C“), sondern ein Abkömmling der polnischen Nationalwurst „Kabanoz“ sein dürfte, Heinz-Dieter Pohl, Sprachwissenschaftler an der Uni Klagenfurt, grenzt ihre Herkunft sogar ins Polnisch-Ukrainische ein – kann nicht einfach gekauft und gefressen werden wie das vielleicht bei anderen Würsten so der Fall sein mag. Kabanossi braucht Zeit.

Und Wissen um die Quelle, denn auch wenn die Zeit der wesentliche Faktor bei der Werdung der wahrhaftigen Kabanossi ist, so ist das Ausgangsmaterial natürlich nicht weniger wichtig. Also: Nicht zu faltig die Wursthaut, lieber ein bisschen straffer und vor allem so transparent wie möglich, so dass man sich über das Innenleben der dünnen Wurst ein Bild machen kann; das nämlich von faseriger Konsistenz zu sein hat, nicht zu fein gekuttert und vor allem mit ordentlichen Speck-Stückerln versehen sein muss. Alles andere ist pseudo und soll von mir aus ins Erdäpfelgulasch.

Und jetzt zum Zeitfaktor

Hat man solch eine Wurst entdeckt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder, man nimmt die gesamte vorhandene Länge und führt sie an einem geeigneten Ort – kühl, luftig, trocken – der korrekten Vertrocknung zu, oder – wenn man über solch einen Kabanossi-Raum nicht verfügt – man bezahlt beim Anbieter bare Münze dafür, dass die Kabanossi hier zwar ordentlich weiterreifen darf, aber natürlich nicht an andere oder Unwissende verkauft wird. Ein bekannter österreichischer Künstler, dessen Namen an eine Himmelsrichtung erinnert, kombiniert dem Vernehmen nach beide Methoden:

Zuerst erwirbt er die Kabanossi in einem allseits bekannten Fachgeschäft, wo die dünnen Würste schon äußerst beispielhaft vorgetrocknet ins Angebot gelangen, um sie dann einem Vertrauten zu überlassen, der die Würste dann noch einmal bis zur Trockenheitsstufe von Soletti hängen lässt. Gerne würde ich diesem Künstler einmal eine derart gereifte Kabanossi-Länge abkaufen, nur da ich seine Preise kenne (zumindest für Sessel), werde ich mir das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leisten können.

Hat die Kabanossi so nach zwei bis vier Wochen ihren Ideal-Zustand nun erreicht, ist sie die treueste und zuverlässigste Wurst der Welt: Man kann sie als Werkzeug verwenden, man kann sie unverpackt in Taschen transportieren, und wenn man eine Tube scharfen Senf, ein Stück Brot und ein mehr oder weniger kühles Bier dabei hat, kann einem in Begleitung so einer stahlharten Kabanossi eigentlich überhaupt gar nichts mehr passieren (okay, einen Zahn kann man sich ausbeißen, aber das passiert nur Ungeübten und Anfängern). Ich, jedenfalls, habe schon an so manchem wunderschönen Ort steinharte Kabanossi gegessen, und es machte diese Orte noch schöner, wage ich zu behaupten.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at
Share if you care.