"Übermenschentum" mit Fingerschmerzen

29. Mai 2005, 21:06
posten

Der Extremschauspieler Martin Wuttke, Raskolnikow in der Festwochen-Produktion "Schuld und Sühne", im Interview

Der intellektuelle Extremschauspieler Martin Wuttke spielte viermal in der Festwochen-Produktion "Schuld und Sühne" den Rodion Raskolnikow. Ehe die Produktion an die Volksbühne nach Berlin weiterwandert, saß er Ronald Pohl Rede und Antwort.


STANDARD: Sie haben in Frank Castorfs Festwochen-Produktion von "Schuld und Sühne" sechseinhalb Stunden lang die Romanfigur Rodion Raskolnikow gegeben - einen verdrossen krähenden, "philosophischen" Mörder, der, von der Lehre des Übermenschen infiziert, eine Pfandleiherin mit dem Hackebeil erschlägt.

Sie haben aufgrund eines Fingerbruchs mit geschienter Hand gespielt. Wie passiert einem Virtuosen wie Ihnen so ein Unfall? Aus Überforderung?

Wuttke: Natürlich aus Überforderung. Ich habe auf der Probe meinen Finger in einem Loch im Holzpaneel hinterlassen - bin dann weitergelaufen, und das Unglück war passiert. In der Nacht liegst du geschient im Hotel. Deine ganze linke Körperhälfte schmerzt und ist verzogen, und du fragst dich: Was mache ich eigentlich hier? Du musst während der ganzen Aufführung deine Körperhälfte abfedern. Man denkt sich schon: Bist du eigentlich behämmert?

STANDARD: Sie meinen das Überforderungsprinzip der Berliner Volksbühne: Man wartet bis ganz am Schluss, ehe etwas "festgelegt" wird?

Wuttke: Ich wusste an dem betreffenden Tag sofort: Heute passiert etwas! Dass es mit dem Finger dann so geringfügig abging, ist eher noch ein Wunder. Die Premiere musste aber leider entfallen.

STANDARD: >Ein Castorf-Schauspieler muss also in Kauf nehmen, dass er nicht perfekt "tariert" oder ausbalanciert auf die Probe geht?

Wuttke: Ja, wobei die Vorbereitungszeit für mich rund zwei Monate gedauert hat. Unablässige Dostojewski-Lektüren, wobei man seine eigene Familie gar nicht mehr zu Gesicht bekommt. Man bleibt immer wieder an einzelnen Sätzen hängen, etwa: "Er war jung und abstrakt. Daher dachte er mörderisch." Was meint ein solcher unerhörter Satz?

Castorf muss als Regisseur sein Augenmerk natürlich auf andere Dinge richten. Zum Beispiel gibt es im Ensemble der Volksbühne keine Haupt-und Nebenrollen. Niemand sagt: "Mein König, die Pferde sind gesattelt!", sondern im Zweifelsfall erfindet der betreffende Schauspieler eben etwas hinzu. Das kann dazu führen, dass man einen einzelnen, schillernden Gedanken aus der Romanvorlage gerne stärker herausgekehrt hätte - Castorf aber winkt ab, weil er an die anderen denken muss, oder weil er sagt: "Nö, das interessiert mich jetzt nicht!"

STANDARD: Der Verbrecher Raskolnikow fällt in dem Dostojewski-Roman andauernd hin: Einmal wird er vom Fieber heimgesucht, ein anderes Mal widerfährt ihm eine Ohnmacht. Er droht bei jeder Gelegenheit das Bewusstsein zu verlieren. Sie haben diese Haltung in der Aufführung mit Niederstürzen eher "ausgestellt" - als eine Art Zitat. Ist das ein Gefühlsrest aus dem 19. Jahrhundert (Der Roman wurde 1866 veröffentlicht)?

Wuttke: Die Figuren von Dostojewski haben alle solche Defekte: Fürst Myschkin aus dem "Idioten" leidet ja tatsächlich an der Fallsucht. Aber auch Stawrogin aus den "Dämonen", den ich ja auch gespielt habe, leidet an jähen Ohnmachtsanfällen.

Das gehört sehr eng zu den Personen: Dostojewski besaß Erfahrungen als Epileptiker. Aber es existiert ebenso das Bewusstsein, dass es eine andere Welt gibt - die man ganz schnell erreichen kann, indem man zusammenbricht. Eine Art Übertrittsphänomen. Das kann man auf der Bühne zwar klinisch zu beschreiben versuchen, aber das ist nicht die Aufgabe eines Theaterabends von dieser Länge. Die Darstellung gewinnt etwas Zeichenhaftes. Aber wir arbeiten an der Volksbühne genau mit solchen Mitteln: An anderen Stellen wird dafür wieder psychologisch plausibel erzählt.

STANDARD: An der Wiege der weit verbreiteten Idee, aus dickleibigen Romanen Theaterabende zu generieren, steht unzweifelhaft die Volksbühne. Wie geht es aber nun weiter?

Wuttke: Von Dostojewski stünden immerhin noch die "Brüder Karamasow" zur Disposition. Nein, ich weiß es nicht, auch wenn an eine Fortsetzung der Reihe gedacht ist.

"Schuld und Sühne" ist insofern ein Glücksfall, weil es sich dabei um den ersten modernen Großstadtroman handelt - von Balzac in Frankreich einmal abgesehen. Man durchkriecht förmlich die Eingeweide von Sankt Petersburg, und diese Stadt ist auf sumpfigem Grund gebaut. Daher leiden alle diese armen Schlucker auch immer an Fieber. Dann gibt es Details, die tatsächlich an Nietzsche denken lassen. Dostojewski beschreibt in einer Traumerzählung das sinnlose Martyrium eines Pferdes. Wer dächte da nicht an Nietzsches Umarmung eines Droschkengauls in Turin? Irgendwie muss er Dostojewski rezipiert haben. Und dann fängt man an, im "Zarathustra" nachzublättern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.5.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Martin Wuttke (r.) als Raskolnikow vom Rosa-Luxemburg-Platz: Wer erlöst einen philosophischen Mörder?

    Zur Person

    Martin Wuttke (43) begründete seinen Ruhm vor 20 Jahren in Frankfurt, wo er früh als "Hamlet" debütierte und in den maßlosen Arbeiten Einar Schleefs mitwirkte. Nach der Übersiedlung nach Berlin gelang ihm in Heiner Müllers inszenatorischem Schwanengesang "Arturo Ui" der Durchbruch. Wuttke, der heute fest an der Volksbühne engagiert ist, war kurze Zeit Intendant des Berliner Ensembles. (poh)

Share if you care.