Mit Jürgen Rüttgers wurde die CDU in Nordrhein-Westfalen Nummer eins

30. Mai 2005, 20:03
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Der zweite Griff nach der Macht am Rhein

Jürgen Rüttgers schluckte am Sonntagabend kräftig. Der CDU-Spitzenkandidat von Nordrhein-Westfalen gönnte sich ein Pils, ein Alt und ein Kölsch und demonstrierte so, dass er jedes Bier seines Landes gleich gerne mag. Nach der Wahl ist schließlich vor der nächsten Wahl.

Doch auch der Wahlausgang schmeckte dem 53-Jährigen. Die CDU ist im Stammland der SPD stärkste Partei geworden - wobei selbst in der CDU manche meinen, man habe die Wahl nicht wegen, sondern trotz Rüttgers gewonnen.

Eine Stimmungskanone ist er wahrlich nicht. In den Sympathiewerten lag SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück während des Wahlkampfes stets vorne, auch bei den beiden Fernsehduellen schnitt er besser ab.

Die Sympathien sind dem Juristen Rüttgers nie einfach so zugeflogen, er hat sich seine Karriere hart erarbeitet. 1987, mit 36 Jahren, saß der Sohn eines Elektrikers bereits im Bundestag, vier Jahre später war er erster parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion. 1994 verlieh ihm Kanzler Helmut Kohl inoffiziell den wohl klingenden Titel "Zukunftsminister", und Rüttgers übernahm das neue Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie.

Als Rot-Grün 1998 im Bund an die Macht kam, wechselte Rüttgers von Berlin in die Landespolitik nach Düsseldorf. Im Mai 2000 trat er zum ersten Mal an, um in Nordrhein-Westfalen Ministerpräsident zu werden, schaffte es aber nicht. Die CDU litt damals unter Kohls Spendenaffäre. Doch auch ein allzu markiger Slogan im Wahlkampf hat ihn um den Sieg gebracht. Als Kanzler Gerhard Schröder um ausländische Computerspezialisten für Deutschland buhlte, gab Rüttgers die Parole "Kinder statt Inder" aus und sorgte damit auch in der Union für Empörung. In diesem Wahlkampf zuckte seine Partei zusammen, als Rüttgers beim TV-Talk mit Parteifreund Michel Friedman erklärte, die katholische Kirche sei anderen Religionen überlegen.

Sein politisches Credo hat er einmal so beschrieben: "Wirtschaftliche Vernunft und soziale Sicherheit in Einklang bringen." Da das so ziemlich jeder Politiker unterschreiben kann, wird Rüttgers oft Konturlosigkeit vorgeworfen. CDU-Chefin Angela Merkel war auch nicht sehr begeistert, als Rüttgers aus wahlkampftaktischen Gründen plötzlich eine "Generalrevision" der zuvor von der CDU mitbeschlossenen Arbeitsmarktreformen forderte.

Um den grauhaarigen Rüttgers ein bisschen aufzupeppen, haben ihm seine Strategen im Wahlkampf einen menschelnden Auftritt im Fernsehen verpasst. Drei Tage lang zog er als Hausmann bei einer Familie ein und zeigte, dass er abwaschen kann. Im richtigen Leben geht es beim Vater von drei Söhnen traditioneller zu - den Haushalt schmeißt seine Frau Angelika. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.05.2005)

Von Birgit Baumann
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