Re-Traditionalisierung von Geschlechterrollen

20. Mai 2005, 21:10
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"Mainstreaming Gender Equality"-Analyse: Probleme durch individuelles Fehlverhalten, nicht durch strukturelle Mängel

Wien - Ein Wiederaufleben traditioneller Geschlechterrollen prägt seit 2000 die österreichische Familienpolitik. Das ist eines der Forschungsergebnisse einer EU-finanzierten "Mainstreaming Gender Equality"-Analyse. Dabei ging es um die Präsenz von Geschlechterfragen und -gerechtigkeit in den politischen Dokumenten der österreichischen Parteien. In der Familienpolitik gehe es auch "äußerst selten" um die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Familie.

Gleichberechtigung schwach artikuliert

Die Forscherinnen - Birgit Sauer und Karin Tertinegg vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen - haben politische Dokumente aus den Jahren 1995 bis 2003 analysiert - von der ÖVP, SPÖ, Grüne und FPÖ. Die Gleichberechtigung der Geschlechter sei darin "sehr schwach artikuliert" und sei ausschließlich bei SPÖ und Grünen ein Thema, berichteten die Forscherinnen bei der Präsentation. Der Begriff "gender mainstreaming", also Chancengleichheit von Männern und Frauen, scheine nicht im direktem Zusammenhang mit Familienpolitik auf.

Im Vergleich mit Dokumenten der EU sowie Papieren aus Spanien, Griechenland, den Niederlanden, Slowenien und Ungarn weisen die österreichischen Dokumente seit 2000 eine "sehr stark ausgeprägte Re-Traditionalisierung von Geschlechterrollen" auf. Die Rolle des Haupternährers wird dem Mann zugeteilt wird, Frauen würden hauptsächlich als "Dazuverdienerinnen" angesehen. Die Betreuung der Kinder durch Frauen, die zu Hause bleiben, gelte nach wie vor als die beste Form. Damit verbunden sei eine Infragestellung der Qualität der öffentlichen Kinderbetreuung.

Individualisierung

Ungleichheit zwischen Mann und Frau werde nicht in strukturellen Mängel gesucht, sondern in individuellem, falschen Verhalten. Die Arbeit in der Familie aufzuteilen, wird zwar von den österreichischen Parteien als erwünschenswert angesehen. Es gebe aber "keinerlei konkrete Maßnahmen" - abgesehen davon, dass an Männer appelliert werde, ihr Verhalten zu ändern, sprich "aktivere Väter" zu sein. Väter seien in diesem Zusammenhang selten eine Zielgruppe für Lösungsvorschläge.

Die Vorstellung, dass Probleme in der Familienpolitik durch "Versagen bisheriger Familienpolitik" entstanden seien, d.h. dass bisher ungenügende und falsche Maßnahmen ergriffen und korrigiert werden sollten, komme in den Dokumenten am häufigsten vor. Fast gleich stark ausgeprägt sei die Ansicht, "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" stelle ein Problem dar und solle gelöst werden. (APA)

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