Pedro Almodóvar: "Alles über meine Mutter"

20. Mai 2005, 20:44
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Almodóvar tut alles, um seine mit messianischer Inbrunst vorgetragene Liebes- und Lebensfeier möglichst realistisch und glaubwürdig zu halten

Da ist dieser eindringliche Blick, den Huma Rojo aus ihrem Taxi wirft, die große Bühnendiva, als sie nach der Vorstellung - Endstation Sehnsucht! - davonfährt. Ihr Blick auf den jungen Esteban, gerade 17 geworden. Doch für Huma ist Esteban viel mehr als nur ein unbekannter Fan, er ist die Hoffnung ihres Lebens. Sekunden später wird der Junge, der Schriftsteller werden will und gerade an dem Text Alles über meine Mutter arbeitet, tot sein, von einem Auto erfasst.

Dieser Blick ist ein Schlüsselmoment dieses Films, und er ist geprägt von unerfüllbarer Sehnsucht, von gescheiterter Hoffnung - und von dem Wissen, in solcher Trostlosigkeit für immer leben zu müssen. Alles, was dieser Film an existenzieller Aussichtslosigkeit nicht sein will, fasst Pedro Almodóvar hier zusammen. Und weil der Film in diesem Moment nicht älter ist als Esteban, inszeniert Almodóvar ein Requiem, das in bester Tradition das Leben feiert - gegen all die Brutalitäten und Absurditäten des Alltags, aber unter Vermeidung aller triumphalen Momente, aller überspannten Metaphysik, aller pseudoreligiösen Sentimentalität.

Esteban lebte noch bei Manuela, seiner Mutter, doch das ist eine so realistische wie liebevolle Beziehung, fern aller Pubertätsklischees. Diese Beziehung gibt das Korrektiv und Ideal ab für den ganzen Film. Ein gelebtes Paradies, aus dem es Manuela nach Estebans Tod in die Travestie- und Drogenwelten Barcelonas treibt: Sie will Estebans Vater finden. Auf dieser Suche wird sie zu einem guten Engel der Gefallenen, doch der herbe Pragmatismus der großartigen Cecilia Roth unterspielt den Samariteraspekt beständig, drängt ihn in den Hintergrund - aus dem er umso glaubwürdiger heraus wirkt.

Almodóvar tut alles, um seine mit messianischer Inbrunst vorgetragene Liebes- und Lebensfeier möglichst realistisch und glaubwürdig zu halten. Er erspart dem Publikum keine der Gemeinheiten, die unter Menschen möglich sind, er verziert die Härte des Daseins mit den Weihen der Groteske und lässt darin die unbeirrbare Manuela ihren Weg gehen.

Aber die Farben und das Licht, die ruhigen Einstellungen und der klare Erzählgestus nehmen die Heldin in Schutz. Gütig und fast schon mütterlich integrieren die formalen Aspekte sämtliche Auswüchse des Lebens in jenen gewaltig vitalen Strom, den dieser Film sichtbar macht, ohne Pathos, ohne (Selbst-)Mitleid, ohne Gloriole. Der Himmel, so Almodóvar, liegt eben hier auf Erden. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.05.2005)

Von Reinhard J. Brembeck
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    foto: süddeutsche cinemathek
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