Kolumbien: Gift gegen Koka in Naturparks

26. Mai 2005, 21:00
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Regierung lässt hochgiftige Pestizide auf Kokaplantagen sprühen - Ureinwohner und seltene Tier- und Pflanzenarten sind bedroht

Bogotá – Sie bieten tausenden Tier- und Pflanzenarten Lebensraum und gelten als eines der letzten Naturparadiese der Erde: die Nationalparks von Kolumbien. Doch nun lässt die Regierung in diesen Reservaten erstmals das hochgiftige Pestizid Glyphosat sprühen. Die Chemiekeule gilt den Kokapflanzen, die von der Drogenmafia zunehmend in den unzugänglichen Ökogebieten angebaut werden.

Militarisierung

Umweltschützer protestieren, zusätzlich werfen Kritiker dem seit 2002 mit harter Hand regierenden Präsidenten Álvaro Uribe vor, er treibe unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung die Militarisierung der Gesellschaft voran. Seit fünf Jahren versucht die Regierung mit milliardenschwerer US-Unterstützung, der illegalen Drogenwirtschaft den Boden zu entziehen.

Vor allem geht es ihr darum, den marxistischen Rebbellen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) das Handwerk zu legen, denn diese finanzieren sich durch „Steuern“ auf die Kokaproduktion. Der im Jahr 2000 mit den USA geschlossene „Plan Colombia“ sieht vor, den Kokaanbau bis Ende dieses Jahres um 50 Prozent zu senken.

Im vergangenen Jahr besprühten US-Piloten aus Spezialflugzeugen so viele Kokasträucher wie nie zuvor mit Giftstoffen – mit beschränktem Erfolg: Die Anbaufläche blieb gegenüber 2003 fast unverändert, denn die Drogenbosse waren findiger als ihre Verfolger. Sie wichen in die Naturreservate aus und wähnten sich dort ungestört – bis jetzt.

Verbotener Einsatz

Wie ein Mitarbeiter der UNO bestätigt, wird der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat seit einigen Tagen in aller Stille erstmals im Nationalpark Sierra Nevada de Santa Marta im Norden des Landes gesprüht. „Das ist eindeutig eine Verletzung der Verfassung und der internationalen Abkommen zum Umweltschutz“, sagt die Bürgerrechtsanwältin Diana Murcia.

Die Verträge verbieten den Einsatz von Chemikalien in Naturparks und gebieten den Schutz von Flora und Fauna. Forscher vermuten, dass Glyphosat genetische Veränderungen bei Menschen und Tieren hervorruft sowie Missbildungen und Krebs verursacht. Laut Umweltschützern vernichtet das in hoher Dosierung eingesetzte Gift zudem Lebensmittelkulturen wie Bananen, Yucca und Mais und vergiftet das Wasser.

Zu Vorsicht gewarnt

„Wir haben der Regierung geraten, extrem vorsichtig mit ihrer Entscheidung zu sein“, sagt ein UN-Vertreter – aus gutem Grund: In besonderer Form Leidtragende der Sprühaktionen sind die in den Naturparks lebenden Ureinwohner. „Diese Menschen werden keinen Zugang zu medizinischer Hilfe haben“, warnt die Anwältin Murcia, „und ebenso keinen Rechtsschutz, wenn ihre Lebensgrundlagen zerstört sein werden.“

Aufhalten kann die Sprühflugzeuge wohl niemand, sagt Murcia resigniert. „Für die Regierung ist das Sprühen ein Mittel im Kampf gegen den Terrorismus der Guerilla. Und das war schon immer ein Totschlagargument.“ (Stephanie Lob, AFP, DER STANDARD Printausgabe, 21.05.2005)

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