Zeitreise nach vorne

20. Mai 2005, 09:14
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Warum Europäer das echte Indien suchen, aber Inder in Europa Filmschauplätze sehen wollen

Mit dem Kulturtransfers zwischen Indien, Österreich und Deutschland beschäftigt sich die Veranstaltungsserie "import export - wien chapter", die von 20. bis 22. Mai im Wiener Künstlerhaus stattfindet. Über die gegenseitigen Zuschreibungen und Phantasmen des indischen Subkontinents und des deutschsprachigen Europa sprach DER STANDARD mit Angelika Fitz, der Kuratorin der Projektreihe.

DER STANDARD: "import export" findet an drei Standorten, Bombay, Wien und Berlin statt. Wie ist es zu dieser aufwändigen Veranstaltungsserie gekommen?

Angelika Fitz: Drei unabhängige, international agierende Institutionen haben das dank ganz neuer EU-Fonds auf die Beine stellen können. Seit es zu verstärkten wirtschaftlichen Kontakten kommt, gibt es auch Kulturförderungen. Die Reisen der Kulturgelder folgen also gleichsam den Wirtschaftsgeldern.

DER STANDARD: Mit den Mitteln Film, Symposium, Installation und Musik werden für das "wien chapter" sehr viele unterschiedliche Kanäle bemüht. Warum?

Angelika Fitz: Alle teilnehmenden KünstlerInnen und WissenschafterInnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer schon interdisziplinär arbeiteten. Eine Beschränkung gibt es also nicht bei den Stilmitteln, sondern in Bezug auf den deutschsprachigen Raum. In Indien gibt es ja so etwas wie einen umgekehrten Orientalismus, also einen "Okzidentalismus". "Der Westen" meint in Indien aber eigentlich immer Großbritannien, mit dem deutschsprachigen Europa gibt es ja keine gemeinsame Geschichte in einem vergleichbaren Sinn. Gerade das macht aber diese Beziehungen so interessant, dass sie schon traditionell auf reiner Projektion basieren.

DER STANDARD: In welcher Form geht es bei "import - export" ums Reisen?

Angelika Fitz: Explizit in zwei Vorträgen, die sich auf sehr verschiedene Art mit aktuellen Reisen beschäftigen. Alexandra Schneider spricht am 20. über die indischen Touristen: Die wollen nicht Europa sehen, sondern die Filmschauplätze aus den Hollywoodfilmen. Das ist also eine sehr postmoderne Art des Reisen. Die Europäer hingegen wollen ihrer Meinung nach noch immer das "echte", authentische Indien sehen, was ja ein eher vormoderner Gedanke ist. Die indische Medientheoretikerin Nancy Adajania bringt dann am 21. Beispiele aus Fotostudios in Bombay, wo sich die Porträtierten in Fantasiewelten montieren lassen, beispielsweise vors Belevedere.

DER STANDARD: Was war der Grund Ihrer ersten Indien- reise?

Angelika Fitz: Das war eine Recherchereise nach Neu-Delhi. Inzwischen war ich achtmal dort und erlebe es eigentlich als eine "Zeitreise nach vorne", quasi als Reise in eine zukünftige USA. (Tanja Paar, DER STANDARD, rondo/19/05/2005)
Info:

www.im-export.net

www.k-haus.at

Kartenreservierungen. für die Filme: Tel.: 01/505 43 28
  • Gängige Praxis in Bombay: Die Porträtierten werden in Fantasie-Hintergründe montiert, die Bilder so zu Dokumenten nie erlebter Reisen.
    foto: n. adajania 2004/pressfoto k-haus

    Gängige Praxis in Bombay: Die Porträtierten werden in Fantasie-Hintergründe montiert, die Bilder so zu Dokumenten nie erlebter Reisen.

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