Geiselnehmer von Beslan plädiert auf nicht schuldig

29. Mai 2005, 14:20
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Angeklagter bestreitet, auf Menschen geschossen zu haben - Verdächtige sollen "Ausweich-Attentat" geplant haben

Wladikawkas - Der nach offiziellen Angaben einzige Überlebende der Geiselnehmer von Beslan hat am Donnerstag auf nicht schuldig plädiert. Der Tschetschene Nurpaschi Kulajew steht seit Dienstag in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas vor Gericht. Der 24-Jährige muss sich in acht Anklagepunkten verantworten, darunter Terrorismus, Mord und Geiselnahme. Der Angeklagte hatte seine Beteiligung an der Geiselnahme eingeräumt, bestreitet aber, auf Menschen geschossen zu haben. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.

Der Prozess gegen Kulajew hatte am Dienstag mit der Verlesung der Anklageschrift begonnen. Das Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof von Nordossetien findet unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt. Der Rechtsexperte Samtsajew Elbrus, der sich mit der Menschenrechtslage in der Region befasst, sieht in dem Prozess auch den Versuch, ethnische Spannungen in Südrussland zu vermindern. Indem Kulajew Verbindungen zum internationalen Terrorismus vorgeworfen würden, solle der Zorn vieler Osseten auf die Einwohner der Nachbarrepublik Inguschetien besänftigt werden. Unter den Geiselnehmern waren viele Inguschen.

"Ausweich-Attentat"

Parallel zum blutigen Geiseldrama von Beslan sei nach Angaben der russischen Justiz zudem eine weitere Entführergruppe bereitgestanden, um in der Nachbarrepublik Inguschetien eine Schule anzugreifen, falls der erste Angriff in Nordossetien fehlgeschlagen wäre.

Im April seien vier Verdächtige aus der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien festgenommen worden, die als Mittäter der Geiselnehmer von Beslan verdächtigt würden, erklärte der stellvertretende russische Generalstaatsanwalt Nikolai Schepel am Mittwoch in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas. Inguschetien liegt ganz im Süden von Russland und grenzt im Osten an Tschetschenien, im Westen an Nordossetien an.

Am Tag der Geiselnahme von Beslan, dem 1. September vergangenen Jahres, habe der flüchtige Anführer der zweiten Gruppe, Aslanbek Chatujew, einen Anruf von dem Geiselkommando aus der Schule bekommen, sagte Schepel. Die Angreifer hätten ihm gesagt, dass ihr Einsatz gelungen sei. Chatujew habe daraufhin seinerseits telefoniert und mitgeteilt, dass der zweite Einsatz "abgeblasen" sei, weil die Geiselnahme in Beslan "gut gelaufen" sei. Die zweite Gruppe von Geiselnehmern habe einen Angriff auf eine Schule in der inguschetischen Ortschaft Nesterowskaja geplant gehabt.

In Wladikawkas muss sich seit Dienstag der nach offiziellen Angaben einzige Überlebende des pro-tschetschenischen Geiselkommandos in Beslan vor Gericht verantworten. Der Tschetschene Nurpaschi Kulaijew ist in acht Punkten angeklagt, darunter Terrorismus, Mord und Geiselnahme. Bei dem Drama in einer Grundschule waren im September mindestens 330 Menschen getötet worden, mehr als die Hälfte von ihnen Kinder. Der Prozess dürfte sich über mehrere Monate hinziehen, da die Staatsanwaltschaft mehrere hundert Zeugen laden will. (APA)

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